01.09.2010
(si) Wird Tiger Woods jemals in der Schweiz spielen? Die klare Antwort lautet: nein. Trotz der negativen Schlagzeilen durch den Ehe- und Sexskandal hat der golferische Marktwert des Superstars kaum gelitten. Wer Woods aus den USA nach Europa oder nach Asien holen will, muss Antrittsgeld locker machen. Die Verhandlungsbasis dürfte bei mehr als drei Millionen Dollar liegen. Schon bevor er den ersten Schlag spielt, hat er oftmals ähnlich viel verdient, wie alle Spieler des Turniers zusammen an Preisgeld gewinnen können. Die Organisatoren in Crans-Montana arbeiten mit einem Gesamtbudget von 10 Millionen Franken und einem Preisgeld von 2 Millionen Euro. Ein Tiger hat darin keinen Platz. "Woods für ein Turnier zu verpflichten wäre sowieso nicht geschickt", sagt Turnierdirektor Yves Mittaz. "Denn in den darauffolgenden Jahren würden wir immer daran gemessen. Die Fans würden es dann als Rückschritt betrachten."
Die Profi-Tour der USA hat den Organisatoren in Europa generell stark zugesetzt. In den letzten Jahren verdienten in Übersee jeweils rund hundert Spieler mehr als eine Million Dollar (brutto) Preisgeld pro Saison. 2007 wurde -- zum weiteren Leidwesen der Europa-Tour -- die vom bekannten gleichnamigen US-Unternehmen alimentierte FedEx-Cup-Wertung eingeführt: In vier aufeinanderfolgenden Wochen ab Ende August werden vier Finalturniere mit einer Dotierung von je 7,5 Millionen Dollar durchgeführt. Allein schon dies sprengt den europäischen Massstab. Als würden die besten Profis nicht schon genug verwöhnt, schüttet FedEx zum Schluss noch einen Bonus von 35 Millionen Dollar aus; 10 Millionen bekommt allein der Sieger der Gesamtwertung. 10 Millionen -- das ist mehr, als es auf der Challenge Tour, dem zweithöchsten Circuit in Europa, während eines ganzen Jahres für alle Spieler zu verdienen gibt.
Wie Woods spielen auch weitere Stars wie Phil Mickelson, Vijay Singh, Ernie Els und Sergio Garcia nur noch relativ selten ausserhalb der USA; der einzige Fixpunkt in Europa ist für sie jeweils das British Open Mitte Juli, das einzige der vier Majorturniere auf dem Alten Kontinent. Els trat heuer nur an drei "normalen" Turnieren in Europa an, Garcia sogar nur an zwei (eines davon in seiner spanischen Heimat in Madrid, wo er sich auch rein anstandshalber zeigen muss). Von den europäischen Veranstaltern waren nur die Münchner bereit, im grossen Stil Antrittsgelder auszugeben. So brachten sie sowohl Els als auch Garcia an den Start. Andere Turniere wie das neu im Kalender der Europa-PGA-Tour figurierende Tschechien-Open mussten ohne einen einzigen namhaften Spieler auskommen.
Trotz der erschwerenden Rahmenbedingungen und des wenig günstigen Datums Anfang September hat sich das European Masters bis heute immer zu helfen gewusst. Die Schweizer Fans bekamen immer drei, vier Figuren vorgesetzt, die sich vom Rest des Feldes abheben. Von 2002 bis 2006 waren Ernie Els und/oder Sergio Garcia zu sehen, 2006 sorgte die (damalige) US-Wundergolferin Michelle Wie mit ihrem bis heute einmaligen Auftritt in Europa gar für einen Zuschauerrekord -- insgesamt 52 500 säumten die Fairways und Greens in Crans-sur-Sierre. Alle drei (Els, Garcia, Wie) waren Werbebotschafter des Turnier-Titelsponsors Omega.
Die Schweizer Uhrenfirma lässt sich in dieser Woche auch das Gastspiel des 55-jährigen "Weissen Hais" Greg Norman etwas kosten, Details wurden nicht bekannt. Daneben nutzt Turnierdirektor Mittaz jede Gelegenheit, das Feld mit klangvollen Namen anzureichern, ohne sich auf finanzielle Abenteuer einzulassen.
Der Spanier Miguel Angel Jimenez, trotz seiner 46 Jahre noch voll im Saft, und der zweifache Crans-Sieger Eduardo Romero (56) aus Argentinien sind seit 20 oder mehr Jahren Dauergäste. Sie lassen sich weniger vom Preisgeld anlocken als von der unvergleichlichen, familiären Atmosphäre rund um den alpinen Platz. Die Europa-Tour gibt auch immer wieder junge Megatalente her. Der Nordire Rory McIlroy war 2008 und 2009 zu bestaunen, bevor er auf die laufende Saison hin den logischen Schritt auf die US-Tour machte. Seine Stelle nehmen heuer der Italiener Matteo Manassero sowie die Südkoreaner Noh Seung-Yul und Jeong Jin ein. Sie ermöglichen zusammen mit bestandenen Cracks wie Darren Clarke oder Thomas Björn für einen Mix, der beim Publikum ankommt. Und wenn dann -- wie Julien Clément 2008 und 2009 -- sogar noch ein Schweizer an der Spitze mitspielt, ist das Glück vollkommen.
Ein Glücksfall für diese Woche ist Louis Oosthuizen. Der Südafrikaner, der im Juli überraschend das British Open gewann, ist (noch) festes Mitglied der Europa-Tour. Er hatte die Zusage für das European Masters schon vor seinem grossen Coup gemacht.
Klangvolle Namen in Crans-Montana
2002: Ernie Els, Retief Goosen, Lee Westwood, Nick Faldo, Sandy Lyle, Robert Karlsson, Paul Lawrie, Paul Casey, Michael Campbell, Eduardo Romero, Miguel Angel Jimenez.
2003: Ernie Els, Sergio Garcia, Colin Montgomerie, Michael Campbell, Robert Karlsson, Paul Casey, David Howell, Miguel Angel Jimenez, Trevor Immelman, Paul Lawrie, Eduardo Romero.
2004: Ernie Els, Sergio Garcia, Luke Donald, Angel Cabrera, K.J. Choi, Robert Karlsson, Thomas Björn, Michael Campbell, Sandy Lyle, Miguel Angel Jimenez, Eduardo Romero, Paul Lawrie.
2005: Sergio Garcia, Luke Donald, Paul Casey, Miguel Angel Jimenez, Henrik Stenson, Ian Woosnam, Eduardo Romero, Paul Lawrie.
2006: Sergio Garcia, Michelle Wie, Andres Romero, Bredley Dredge, Miguel Angel Jimenez, Eduardo Romero, Sandy Lyle.
2007: Lee Westwood, Michael Campbell, Paul Casey, Andres Romero, Darren Clarke, Robert Karlsson, David Howell, Bradley Dredge.
2008: Rory McIlroy, Miguel Angel Jimenez, Eduardo Romero.
2009: Rory McIlroy, Lee Westwood, Darren Clarke, Trevor Immelman, Thomas Björn, Miguel Angel Jimenez, Thongchai Jaidee, Jeev Milkha Singh, Eduardo Romero.
2010: Greg Norman, Louis Oosthuizen, Todd Hamilton, Edoardo Molinari, Paul Lawrie, Paul McGinley, Thomas Björn, Darren Clarke, Matteo Manassero, Noh Seung-Yul, Jeong Jin, Thongchai Jaidee, Jeev Milkha Singh.