19.08.2010
(Si) Die Szenen, als Bayerns Verteidiger Patrik Andersson am 19. Mai 2001 mit dem späten Ausgleich in Hamburg den zu frühen Schalker Meisterjubel in ein Tränenmeer umwandelte, sind noch immer allgegenwärtig. Im Mai 2011 soll in Gelsenkirchen gefeiert werden.
Wer in einem Jahr Meistertitel und Cup gewinnt, im Final der Champions League steht und mit praktisch unverändertem Kader den Supercup als Hauptprobe für die kommende Saison gewinnt, gilt als erstgenannter Favorit. Diese Rolle in der 48. Bundesliga-Saison kommt also zweifelsfrei und abermals dem FC Bayern München zu. Das Starensemble mit dem holländischen Trainer Louis van Gaal hat als grösste Herausforderung wohl die Mehrfachbelastung mit den Auftritten in allen Wettbewerben zu bewältigen. "Ich glaube, dass meine Mannschaft weiter ist als im vorigen Jahr. Sie weiss exakt, was wir wollen. Das ist verinnerlicht", sagte Van Gaal.
Wer soll den Rekordmeister auf dem Weg zum 22. Titel stoppen? "Es gibt einige Mannschaften, die dafür in Frage kommen", glaubt Werder Bremens Coach Thomas Schaaf, ohne konkreter zu werden. Erster Herausforderer dürfte Schalke 04 sein. Der mit viel Macht ausgestattete trainierende Manager Felix Magath hat seine Kontakte in Europa spielen lassen, erneut einige Kadermutationen vorgenommen und den vielleicht spektakulärsten Bundesliga-Transfer der letzten Jahre getätigt.
Spaniens Goalgetter Raul, eine lebende Legende in Madrid, erhielt nach 741 Profispielen, 323 Toren und 16 Titeln mit Real keinen neuen Vertrag mehr und wird stattdessen neu in "Königsblau" kicken. "Ich weiss, dass Schalke seit mehr als 50 Jahren ohne Titel ist. Daher ist er auch das grosse Ziel von uns", sagte der 33-jährige Stürmer vor seiner ersten Saison im Ausland.
Auch der zweite hochkarätige Transfer von einer anderen Topliga nach Deutschland erfolgte ablösefrei. Michael Ballack kehrte nach zehn Jahren zu Bayer Leverkusen zurück; sein letzter Arbeitgeber Chelsea wollte den an der WM verletzt fehlenden "Capitano" der DFB-Auswahl nicht mehr weiterbeschäftigen. Mit Leverkusen will Ballack, der von 1999 bis 2002 zweimal Zweiter wurde und in der gleichen Saison (2000) den Champions-League- und Cupfinal verlor, diesmal Titel gewinnen. Sein Trainer Jupp Heynckes will die These widerlegen, wonach er mit Stars nicht zusammenarbeiten könne und vielmehr nur ein begnadeter Ausbildner sei.
Die 18 Vereine der höchsten Liga heizten den wie in ganz Europa auch in der Bundesliga eher ruhigen Transfermarkt nicht sonderlich an. Die Internetseite "transfermarkt.de" errechnete für diese Wechselperiode bei Ausgaben von rund 96 Millionen einen Überschuss von über acht Millionen Euro.
Mit den WM-Teilnehmern Sami Khedira (von Stuttgart) und Mesut Özil (Werder Bremen) unterschrieben zwei talentierte "Secondos" langjährige Verträge mit Real Madrid, Jérôme Boateng (HSV) spielt dank einer gehörigen Lohnkorrektur und rund 12,5 Milionen Euro Ablösesumme neu für Manchester City. Noch mehr Geld bezahlte Real für die beiden deutschen Verstärkungen. Teuerster Neuzuzug der Bundesliga ist mit rund zwölf Millionen Euro der dänische Verteidiger Simon Kjaer, den Wolfsburgs neuer Trainer Steve McClaren aus Palermo geholt hat.
Die Perspektiven der zehn Schweizer Bundesliga-Spieler.
Tranquillo Barnetta (Leverkusen, 2012): Im Schweizer Nationalteam spürt der Ostschweizer den Atem von Valentin Stocker im Nacken, bei Bayer hat er mit Sidney Sam auf seiner Position einen härteren Konkurrenten als zuletzt. Weil sich der Fokus in Leverkusen aber vor allem auf den in die Bundesliga zurückgekehrten Michael Ballack richten wird, kann sich Barnetta in Ruhe seinem Formaufbau widmen. Er wird mit Leverkusen wie gewohnt in den Top 6 mitmischen.
Diego Benaglio (Wolfsburg, Vertrag bis 2013): Nicht nur für das deutsche Fachmagazin "kicker" war Benaglio im WM-Sommer der Gewinner unter den Bundesliga-Goalies. Seine Position ist in Wolfsburg unter dem ersten englischen Bundesliga-Trainer Steve McClaren ebenso unbestritten wie im Schweizer Nationalteam. Durch das neue Innenverteidiger-Duo Kjaer/Friedrich ist Benaglio wohl besser abgeschirmt als in der Vorsaison, als Titelverteidiger Wolfsburg Achter wurde.
Nassim Ben Khalifa (Wolfsburg, 2014): Manager Dieter Hoeness stattete das GC-Talent mit einem Vierjahresvertrag aus, weil er weiss, dass er seine Starstürmer Edin Dzeko und Grafite auf Dauer nicht in der VW-Stadt wird halten können. Ob und wie oft U17-Weltmeister Ben Khalifa in seinem ersten Jahr zum Einsatz kommen wird, hängt allein vom Verbleib seiner prominenten Sturmkonkurrenten ab. Ob Trainer McClaren viel rotieren wird, ist fraglich. Wolfsburg hat nach dem Verpassen der Europa League im Gegensatz zum Vorjahr keine dreifache Belastung mehr zu überstehen.
Albert Bunjaku (Nürnberg, 2012): Bundesliga-Debüt, zwölf Tore, erstes Aufgebot für das A-Nationalteam: Albert Bunjaku blickt auf die erfolgreichste Saison seiner Karriere zurück. Dennoch schaffte er mit Nürnberg erst via Relegation gegen Augsburg den Klassenerhalt. In der Schlussphase der Saison übertrug sich die Unsicherheit seiner Teamkollegen auch auf den Zürcher mit kosovarischen Wurzeln. Bunjaku blieb neun Spiele ohne Tor, nun traf er gleich im ersten Pflichtspiel (Cup in Trier) wieder.
Philipp Degen (Stuttgart, 2011, ausgeliehen): Liverpools neuer Trainer Roy Hodgson sah für den oftmals verletzten Pechvogel mit dem unbändigen Willen keine Perspektive mehr. Unter seinem früheren Basler Mentor Christian Gross will Degen in der Bundesliga nach einem Jahr praktisch ohne Ernstkampf endlich wieder zu Spielpraxis gelangen und sich wieder für das Nationalteam empfehlen. Sollte der VfB den Einzug in die Gruppenphase der Europa League schaffen, sind Einsätze erst recht garantiert.
Eren Derdiyok (Leverkusen, 2013): Es sei zu früh für einen Wechsel in die Bundesliga, prophezeiten viele Schweizer Experten im letzten Sommer, als Derdiyok bei Leverkusen für drei Jahre unterschrieb. Zwölf Liga und sechs Vorlagen in der Bundesliga waren eine deutliche sportliche Antwort des Nationalstürmers. Derdiyok nützte die lange Absenz von Patrick Helmes (Kreuzbandriss) aus. Der vollständig genesene Helmes bildete mit Stefan Kiessling (21 Saisontore) zuletzt das Sturmduo, Trainer Jupp Heynckes könnte sich aber auch eine Rotation vorstellen. "Neben den beiden ist auch Derdiyok für mich ein Stammspieler."
Mario Eggimann (Hannover, 2013): Ein Bandscheibenvorfall zwang den 29-jährigen Aargauer bereits in der ersten Phase der letzten Saison sprichwörtlich in die Knie. Der Rücken meldete sich auch in dieser Vorbereitung wieder. Im Länderspiel gegen Österreich konnte er eine gewisse Formschwäche nicht kaschieren. Mit Hannover dürfte Eggimann abermals eher gegen den Abstieg als um die Europa-League-Qualifikation mitspielen. Immerhin: Beim blamablen Ausscheiden im Cup gegen das viertklassige Elversberg hatte sich Eggimann nichts vorzuwerfen; er wurde nicht eingesetzt. Er wird auch beim Meisterschafts-Start fehlen, diesmal wegen Hüftschmerzen.
Mario Gavranovic (Schalke, 2013): Wer in 16 Testspielen zehn Tore (gegen zumeist schwache Gegner) erzielt, befindet sich normalerweise zumindest in der Nähe eines Stammplatzes. Nicht so, wenn der Verein mit Raul d e n legendären spanischen Goalgetter schlechthin verpflichtet hat. Dem U21-Inernationalen Gavranovic, der nach dem Wechsel im Winter von Xamax ins Ruhrgebiet bislang 77 Minuten lang Bundesliga-Luft schnuppern durfte, drohen wegen des Überangebots im Sturm wieder Einsätze im viertklassigen Schalker Regionalliga-Team.
Marvin Hitz (Wolfsburg, 2011): Dass der Ostschweizer Diego Benaglio vor sich hat, ist Fluch und Segen zugleich. Hitz kann sich vom unumstrittenen Keeper der SFV-Auswahl einiges abschauen, an Benaglio wird der ebenfalls vom ehemaligen NLA-Goalie Andreas Hilfiker trainierte bald 23-Jährige aber nicht vorbeikommen. In der letzten Saison debütierte Hitz in Bundesliga (insgesamt fünf Einsätze) und Europa League (4), weil er nach Benaglios Knieoperation überraschend den Vorzug gegenüber dem wesentlich routinierteren André Lenz erhalten hatte.
Pirmin Schwegler (Frankfurt, 2012): Unter Eintrachts Trainer Michael Skibbe ist Schwegler als Ballverteiler im zentralen Mittelfeld gesetzt, seit dem Rücktritt von Beni Huggel auch in der Nationalmannschaft. Der technisch beschlagene Luzerner, der neuerdings auch im Frankfurter Mannschaftsrat Verantwortung zu tragen hat, könnte in der Saison 2010/11 endgültig eine grosse Karriere lancieren. Schwegler ist einer der Hoffnungsträger, dass sich die Eintracht mit ihrem offiziellen Saisonziel (50 Punkte) den Plätzen im internationalen Geschäft annähert.