18.08.2010
(Si) Keiner über 28 Jahre wird Schwingerkönig. Jörg Abderhalden will die Regel, die sich seit dem Zweiten Weltkrieg wie ein Naturgesetz hält, an diesem Wochenende am 42. Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Frauenfeld brechen. Der Erfolgreichste aller Zeiten ist Abderhalden als dreifacher Schwingerkönig (1998, 2004, 2007), Unspunnen- und Kilchberg-Sieger (1999 respektive 2002) schon jetzt. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Zum Ausklang seiner unvergleichlichen Karriere will er seine eigenen Rekorde jedoch noch unangreifbarer machen. Sollte er sich am Sonntagabend vor 47 500 Fans in der Thurgau-Arena und vor Hunderttausenden am Bildschirm den Muni "Arnold" übergeben lassen, wäre Abderhalden nicht nur der erste vierfache, sondern auch der älteste Schwingerkönig in der 115-jährigen Geschichte des "Eidgenössischen". Gleich am Samstag nach dem Fest wird er 31 Jahre alt. Gottlieb Salzmann (1919), Karl Thommen (1923) und Werner Bürki (1940) waren bei ihren Siegen ebenfalls 30, jedoch noch einige Wochen oder Monate jünger als Abderhalden. Seit 1943 bis heute musste man 28-jährig oder jünger sein, um sich im kräfteraubenden zweitägigen Wettkampf durchzusetzen.
Ernst Schläpfer, der heutige Obmann des eidgenössischen Verbandes, hatte es 1986 in Sitten in der Hand, als erster 31-Jähriger zu triumphieren, er verlor jedoch den Schlussgang überraschend gegen Heinrich "Harry" Knüsel. 24 Jahre später hat nun Schläpfers Göttibub Abderhalden die Chance. Verletzungshalber hatte Abderhalden den Kilchberger Schwinget 2008 verpasst. Vor exakt einem Jahr erlitt er einen Kreuzband- und einen Innenbandriss, was ihn über das vorzeitige Ende der Karriere nachdenken liess. Der Toggenburger aus Nesslau baute sich aber ehrgeizig und zielbewusst wieder auf und gab Ende Mai das Comeback mit dem Sieg am St. Galler Kantonalfest. Berücksichtigt man, dass er erst so spät einsteigen konnte, ist Abderhalden auch in dieser Saison mit drei Kranzfestsiegen der Stärkste. Auf der Schwägalp, am letzten Hosenlupf vor Frauenfeld, passte Abderhalden wegen eines Hexenschusses. Fürs entscheidende Wochenende soll er sich aber in bester Verfassung befinden, wird berichtet. Er schöpft auch aus der Vergangenheit Kraft: Er erlitt 1997 seinen ersten Kreuzbandriss und wurde ein Jahr später in Bern erstmals Schwingerkönig.
Geschwächte Nordostschweizer
Die Ausgangslage war seit 1998 nie mehr so offen wie jetzt. Das hängt nicht mit allfälligen Restzweifeln an Abderhaldens Formstand zusammen, sondern mit der akuten Schwächung des Nordostschweizer Verbandes, der seit 1995 ausnahmslos den König stellte. Abderhalden kann im eigenen Verband längst nicht mehr auf die Unterstützung durch eine breite Phalanx zählen wie in den letzten Jahren. Stefan Fausch, Abderhaldens Schlussgang-Gegner von Aarau 2007, hat mit fast 35 Jahren den Zenit überschritten. Heuer glückte dem Bündner kein Festsieg. Arnold Forrer, der Schwingerkönig 2001, erlitt just bei Abderhaldens Comeback am St. Galler Fest einen Kreuzbandriss. Er verzichtete auf eine Operation und bemüht sich verzweifelt, noch rechtzeitig für hohes Niveau wettkampftauglich zu werden. Auf der Schwägalp gab er nach dem ersten Gang mit Schulterschmerzen auf.
Berner Wiedergeburt?
Die Berner warten seit 1992 (Silvio Rüfenacht in Olten) auf einen Königstitel. Vor drei Jahren in Aarau schnitten sie so schlecht ab wie nie zuvor (keiner in der engeren Entscheidung, Minusrekord von 7 Kränzen gegenüber 17 der Innerschweizer). Jetzt aber ist ihre junge Garde so herangereift, dass sie wieder die Leaderposition übernehmen könnten. Der 150-kg-Hüne Christian Stucki (25) gewann vor zwei Jahren in überlegener Manier den Kilchberger Schwinget; im rein bernischen Schlussgang reichte ihm ein Remis gegen Matthias Sempach (24). Sempach und Stucki werden für Frauenfeld allgemein als Abderhaldens erste Herausforderer betrachtet. Hinter ihnen stehen weitere Junge mit grossem Potenzial bereit -- wie etwa der erst 20-jährige Oberländer Kilian Wenger sowie Matthias Siegenthaler, Thomas Sempach und Matthias Glarner. Die breite Spitze könnte sich nebst dem Teamgeist als der grosse Trumpf der Berner erweisen.
Innerschweizer -- stärker als vermutet?
Die besten Innerschweizer werden in den meisten Vorschauen eher als Aussenseiter gehandelt. Am Wochenende könnte die Wirklichkeit jedoch ganz anders aussehen. Ein Indiz dafür lieferte der Brünig-Schwinget, an dem die Innerschweizer die ohne Stucki und Matthias Sempach angetretenen Berner regelrecht abkanzelten. Philipp Laimbacher (27) bilanziert vier Saisonsiege, den fünften verpasste er am Brünig im Schlussgang gegen Martin Grab (31), der in seiner Karriere schon zwei Feste mit eidgenössischem Charakter gewonnen hat (Expo 2002, Unspunnen 2006). Grab triumphierte heuer überdies auf der Rigi. Nebst starken Routiniers, zu denen auch Philipp Laimbachers älterer Bruder Adrian (Sieger am Südwestschweizer Fest) zählt, schicken die Innerschweizer auch einige talentierte Junge ins Rennen. Besonders erwähnt sei der 22-jährige Christian Schuler, Sieger am Schwyzer Kantonalen und Co-Sieger auf der Rigi. Wird die Innerschweiz am Sonntagabend ihren erst zweiten Schwingerkönig (nach Harry Knüsel) feiern?
Einzelkämpfer Bieri
Der 24-jährige Christoph Bieri war heuer innerhalb des Nordwestschweizer Verbandes mit vier Siegen eine Klasse für sich. Der Aargauer gewann drei von vier Kantonalfesten und triumphierte auf dem Weissenstein. Er gehört zum erweiterten Kreis der Königsanwärter. Die fehlende Unterstützung aus dem eigenen Verband könnte aber ein zu grosses Handicap sein. Immerhin überraschten die Nordwestschweizer 2007 mit sechs Kranzgewinnen. Keinen ernsthaften Titelkandidaten stellen die Südwestschweizer. Hans-Peter Pellet, der Publikumsliebling, wird im Oktober 40 Jahre alt.
Erinnerungen an 1966
Frauenfeld war schon 1966 Schauplatz des eidgenössischen Festes. Damals beendete Ruedi Hunsperger eine 23-jährige Durststrecke der Berner und die Hegemonie der Nordostschweizer (Karl Meli). Am Wochenende könnte sich die Geschichte wiederholen.