12.08.2010
(Si) Nationalcoach Ottmar Hitzfeld sah in Klagenfurt, was er sehen wollte: knapp vier Wochen vor dem Start zur EM-Qualifikation gegen England zeigte das 1:0 in Österreich, dass er personelle Alternativen hat. Die junge Garde mit Affolter, Stocker und Costanzo überzeugte.
Ein Sieg in einem Freundschaftsspiel ist unter Ottmar Hitzfeld eine Rarität. Im neunten Test gab es in Österreich erst den dritten Erfolg. Der Nationalcoach war daher am Tag nach der Partie ganz entspannt: "Dieser Knoten ist geplatzt." Der Deutsche konnte zufrieden sein mit der Reise an den Wörthersee, auch wenn die Leistung als Kollektiv nur vor der Pause gut war und letztlich durch das Siegestor von Moreno Costanzo geschönt wurde.
"Haben gewisse Breite"
Hitzfeld sah in diesen 90 Testminuten vor allem von den Jungen positive Ansätze. Den Hauptzweck hat das Spiel daher erfüllt. "Wir haben gezeigt, das wir auch eine gewisse Breite haben." In den Vordergrund spielte sich von den Neuen auf den ersten Blick natürlich Moreno Costanzo. Der Nachzügler, der erst am Montag kurz vor dem Abflug nachnominiert wurde, hat bewiesen, "dass er bereit ist für solche Aufgaben." Er habe auch im Klub schon Verantwortung übernommen, so Hitzfeld. "Auch dank ihm hat YB in Istanbul gewonnen."
Wenn Hitzfeld sagt, dass nun im Nationalteam "ein bisschen frischer Wind" weht, sind diese Worte bewusst gewählt. Ein Sieg in Österreich löst beim Startrainer keinen Orkan der Euphorie aus. Vielmehr versucht Hitzfeld seine junge Garde auf dem Boden zu halten. Für Costanzo sind der vorzügliche Teileinsatz und das erzielte Tor kein Freipass für weitere Nominierungen. "Ich kann noch nicht bestätigen, dass er gegen England wieder ein Thema ist."
Affolter als Bereicherung
Sicher wieder dabei ist Costanzos YB-Teamkollege François Affolter, zumal Philippe Senderos ein halbes Jahr ausfällt. Der 19-jährige Innenverteidiger spielte bei seinem Debüt nicht schlechter als Abwehrchef Stéphane Grichting (vor der Pause) und deutlich besser als Mario Eggimann (in den zweiten 45 Minuten). Affolters Auftritt war unaufgeregt, er war solide in der Angriffsauslösung und riskierte auch Steilpässe auf die Stürmer. "Er ist eine Bereicherung für unser Spiel", urteilte Hitzfeld.
Dies soll in Zukunft auch Pirmin Schwegler sein. Der Mittelfeldspieler habe schon gut mit Gökhan Inler harmoniert und sei mit dem Druck als Nachfolger von Benjamin Huggel problemlos umgegangen. "Jetzt muss er aber frecher werden nach vorne." So frech wie Valentin Stocker zum Beispiel, der sich von den vier von Beginn weg eingesetzten U21-Spielern abhob. Er bereitete nicht nur das Tor von Costanzo vor, sondern kam auch selbst einem Treffer mehrmals nahe.
Stocker für Barnetta?
Stockers Leistung war eine Kampfansage an Tranquillo Barnetta, der sich mit seiner kurzfristigen Absage womöglich keinen Gefallen tat. Im Moment spricht auf der linken Seite wenig für den Leverkusen-Professional, der in der SFV-Auswahl seit drei Jahren auf unerklärliche Weise unter seinen Möglichkeiten bleibt.
Das Spiel in Klagenfurt hat gezeigt, dass sich einzelne Spieler ihres Platzes nicht sicher sein können. Das gilt auch für Valon Behrami, sofern er nicht bald eine Lösung für seine Zukunft findet (AS Roma?) und weiterhin nur mit den Junioren von West Ham United trainiert. Auf Behramis Position überzeugte zwar Xherdan Shaqiri gegen Österreich nicht, "doch er ist ein wichtiger Spieler für uns", wie Hitzfeld betonte. "Die Jungen machen Druck", bilanzierte der Coach.
Damit ist die SFV-Auswahl schon mal weiter als noch vor einem halben Jahr, als Hitzfeld nach dem Test gegen Uruguay (1:3) feststellen musste: "Wir haben keine grosse Auswahl." Da hört sich 'ein bisschen frischer Wind' optimistischer an. Und ein wenig Rückenwind kann diese Mannschaft 48 Tage nach dem enttäuschenden 0:0 in Südafrika gegen Honduras und 27 Tage vor dem Start zur EM-Qualifikation gegen England in der Tat gebrauchen.