03.08.2010
(si) Die Vorgabe ist klar: Nur ein Sieg oder ein Remis ab 3:3 hält den Young Boys die Möglichkeit offen, ab Anfang September im "Konzert der Grossen" mitzuspielen. Wie schwer das Unterfangen ist, in Istanbul zu punkten oder zu gewinnen, zeigt ein Blick auf die Statistik. In den zehn bisherigen Europacup-Partien auf dem Boden der türkischen Millionenmetropole gegen eines der drei Topteams Fenerbahçe, Besiktas oder Galatasaray resultierten für Schweizer Vereine acht Niederlagen (alle mit maximal einem erzielten Tor), zwei Remis und 9:28 Tore.
Christoph Spycher ist sich der delikaten Lage bewusst. "Wir wissen, dass wir auswärts nicht zu vielen Chancen kommen werden. Was sich uns bieten, müssen wir resolut ausnützen." Der gelernte Linksverteidiger, der seine neue Aufgabe als Ballverteiler im defensiven Mittelfeld der Berner bislang mit Bestnoten gemeistert hat, wird sich im Sükrü Saraçoglu mutmasslich eher in der Rückwärtsbewegung befinden als vor einer Woche im Hinspiel. Spycher ist einer jener Spieler, die sich von der hitzigen Atmosphäre inner- und ausserhalb des Platzes von Fenerbahçe kaum werden beeinflussen lassen. Er war am 15. November 2005 Teil jener Schweizer Mannschaft, die im WM-Barrage-Rückspiel gegen die Türkei in die unvergesslichen "Jagdszenen" verwickelt war. Ihm gegenüber, diesmal in gleicher spielerischer Rolle als Sechser, steht wiederum Emre Belözuglu.
Trainer Vladimir Petkovic hatte -- wie schon im Vorjahr FCZ-Coach Bernard Challandes -- sein Team zwischen zwei Champions-League-Einsätzen nach einer Niederlage in Bellinzona aufzurichten. YB verlor im Tessin zwar erstmals im vierten Spiel der Saison, ist aber immer noch sieglos. Für Petkovic entstand eine neue Situation, er steht erstmals unter Druck. "Zum Glück für meine Karriere ist nach nur einer Niederlage soviel Lärm und Polemik entstanden", sagte der Kroate selbstbewusst. "Ich nehme das als positiven Kick."
Wie schwierig es ist, einer Negativspirale zu entkommen, erlebt Petkovic seit dem miserablen Auswärtsauftritt in Luzern (1:5) in der vorletzten Runde der letzten Meisterschaft am eigenen Leib. Die Theorie, YB habe die Schlussphase der Vorsaison noch nicht verkraftet, verneint er folglich nicht. "Einige Spieler und auch die Umgebung haben diesen Rückschlag noch nicht hundertprozentig verdaut. Nach drei Unentschieden und einer Niederlage wird die Vergangenheit wieder aktiv, dazu tauchten polemische Fragen auf. Dann ist es normal, dass man desorientiert sein kann", so Petkovic. "Das einzige, was uns fehlt, ist ein positives Ergebnis."
Finanzieller Anreiz
Die Möglichkeit, nach dem 1:2 in Bellinzona geistigen Ballast loszuwerden, bot sich den Spielern der Young Boys im Programm seit Samstagabend. Der folgende Tag war trainingsfrei, am Montag verlangten 400 eingeladene Kinder anlässlich des Sommercamps die Aufmerksamkeit der Berner Professionals. Seit gestern gilt der Fokus vollumfänglich der Aufgabe im Europacup. Sollte YB wie im Hinspiel mit einer ähnlich inspirierten Leistung für Furore sorgen, wären der Verbleib im internationalen Geschäft bis im Winter (Europa-League-Gruppenphase) und Antrittsprämien der UEFA in der Höhe von über acht Millionen Franken garantiert. Und Petkovic hätte die Kritiker wenigstens temporär wieder auf seiner Seite.
Die türkischen Medien klagten nach dem alles andere als überzeugenden Auftritt des Favoriten im Stade de Suisse auf hohem Niveau: "Schlecht, miserabel, mit dieser Leistung wird Fenerbahçe diese Saison kein Team der Süperlig locker schlagen", schrieb die Zeitung "Fotomaç". Rund 30 Stunden vor dem Rückspiel war das 2:2 vom letzten Mittwoch für Trainer Aykut Kocaman und auch die Journalisten vom Bosporus abgehakt. "Darüber muss man nicht mehr viel sagen -- wir waren einfach nicht gut."
Ob die Abstimmungsprobleme mit dem neu eingeführten 4-2-3-1 und die Mängel in der Abwehr behoben sind, werden die YB-Spieler relativ schnell merken. Wieder respektive neu dabei sind aller Voraussicht nach der genesene Gökhan Gönül und Issiar Dia (für den gesperrten Kazim Kazim).
Wölfli ist zurück
Für Mittelfeldpuncher Emre ist klar, wer die Favoritenrolle innehat. "Das Resultat vor einer Woche war ein Vorteil für uns, obwohl die Young Boys besser vorbereitet waren. Diesmal sind wir bereit. Dazu spielen wir erstmals in dieser Saison vor eigenem Publikum", sagte der türkische "Spieler des Jahres". Bei den Young Boys rückt der im Hinspiel gesperrt gewesene Goalie Marco Wölfli wieder für seinen makellosen Stellvertreter Roman Bürki ins Team. Der Solothurner dürfte die "Gelbschwarzen" als Captain ins Sükrü Saraçoglu führen, in dem Fenerbahçe zur Saisonpremiere über 40'000 heissblütige Fans erwartet.
Fenerbahçe Istanbul - Young Boys. -- Mittwoch, 20.15 Uhr (live/SF zwei). -- Sükrü Saraçoglu. -- SR Nikolajew (Russ).
Mögliche Aufstellungen
Fenerbahçe Istanbul: Volkan Demirel; Gökhan Gönül, Bilica, Bekir, André Santos; Baroni, Emre; Dia, Alex, Stoch; Gökhan Ünal/Semih Sentürk.
Young Boys: Wölfli; Sutter, Dudar, Affolter, Jemal; Spycher; Degen, Thierry Doubaï, Costanzo, Lulic; Bienvenu.
Bemerkungen: Young Boys ohne Lingani, Fenerbahçe ohne Lugano, Özer, Ugur Boral, Mehmet Topuz (alle verletzt), Kazim (gesperrt) und Güiza (nicht im Aufgebot).