02.08.2010
(spg) Die aktuelle sportliche Situation der Young Boys erinnert stark an jene von 2008. Damals musste Martin Andermatt nach verlorener Finalissima in der Vorsaison und verpatztem Start schon vor Beginn der Europacup-Saison gehen. Nun steht Vladimir Petkovic das Wasser bis zur Brust.
Als Meister zur Mission Titelverteidigung zu starten, ist offenbar leichter als mit dem Tiefschlag des zweiten verspielten Meistertitels innerhalb von drei Jahren klarkommen zu müssen. Diese Schlussfolgerung könnte aufstellen, wer die aktuelle Rangliste der Axpo Super League betrachtet. Während der FC Basel nach verhaltenem Beginn unter Thorsten Fink im letzten Jahr diesmal ohne Probleme und Verlustpunkt aus den Startlöchern kam, haben die achtklassierten Young Boys noch massives Steigerungspotenzial.
Zwei Punkte befinden sich erst auf dem gelb-schwarzen Konto: das glückhafte 1:1 in Thun und das gleiche Resultat im ersten Heimspiel gegen Luzern. Dazu kam das 2:2 im Hinspiel der 3. Runde der Champions-League-Qualifikation gegen Fenerbahçe Istanbul, das bei höherer Effizienz (oder mit ähnlich treffsicheren Spielern wie Seydou Doumbia) ein Kantersieg hätte sein können. "Es herrscht Status quo nach dem Zwischenhoch", beschrieb die 'Berner Zeitung' die aktuelle Lage treffend.
Zu Diskussionen regte die 1:2-Niederlage vom Samstag in Bellinzona an. Abermals stand die diesmal aus vier Spielern bestehende Abwehr schlecht, kassierte zum dritten Mal in den ersten zehn Minuten ein Gegentor -- und schon in der ersten Halbzeit stellte Trainer Vladimir Petkovic um. Die Tatsache, dass praktisch jede Position, insbesondere für das in der letzten Saison erfolgreich praktizierte 3-4-3-System, doppelt besetzt ist, birgt ein gewisses Konfliktpotenzial. "Die Frage ist, wie ein Spieler dieser neuen Situation gerecht werden kann", sagt Martin Andermatt. "Die Erwartungshaltung hat sich geändert, YB befindet sich nicht mehr in einem Aufbau."
Andermatt wurde Ende Juli 2008 entlassen, weil der YB-Vereinsführung der Start mit Niederlagen gegen Basel und in Sion ("obwohl wir lange geführt haben") und einem 0:0 gegen Vaduz zu wenig dynamisch war. Zur Standortbestimmung, wie sie der Zuger vorgeschlagen hatte, kam es gar nicht, es folgte ohne Verzug die für ihn schwer nachvollziehbare Trennung. "Ich habe es selber erlebt, eine verlorene Finalissima raubt unglaublich viel Substanz", so Andermatt rückblickend. "Danach braucht es Geduld. Die hätte ich mir damals auch gewünscht."
Vladimir Petkovic, Andermatts Nachfolger, wähnt sich nach vier Ernstkämpfen ohne Sieg fest im Sattel. "Abzüglich des gewohnten Berufsrisikos fühle ich mich sicher", sagte er nach dem Fehltritt in Bellinzona gegenüber einem Tessiner Journalisten. Die Frage bleibt, was die Führungsetage der Young Boys aus dem Fehlstart von 2008 gelernt hat: Bewahrt sie die Ruhe und vertraut weiter dem aus Bellinzona geholten Trainer? Wann erfolgt die Standortbestimmung dieses Mal? Nach der Vorausscheidung für Champions League oder Europa League? "Wir spielen jetzt gegen Fenerbahçe und GC und sehen dann weiter", sagte Sportchef Alain Baumann am Wochenende.
Sollte YB nicht in sehr absehbarer Zeit zählbare Resultate, und zwar egal mit welchem Spielsystem, vorweisen können, wird auch Sozialarbeiter Petkovic seine Sozialkompetenz nichts mehr nützen. Denn, so Martin Andermatt, "als Trainer habe ich eigentlich nur einen Job: Ich muss Niederlagen und schlechte Resultate verantworten." Diesen branchenüblichen Mechanismus bekämpfte Petkovic bislang erfolgreich mit chronischem Optimismus und genügend Abnehmern. Früher oder später hilft Petkovic aber nur noch ein Sieg.