24.07.2010
Schleck vor wichtigstem Tag seiner Karriere
(Si) Heute Samstag versucht Andy Schleck das Unmögliche. Der beste Jungprofi der Tour de France versucht im Zeitfahren von Bordeaux nach Paillac, seinen Rückstand von acht Sekunden auf Alberto Contador in einen Vorsprung umzuwandeln.
"Ich stehe vor dem wichtigsten Tag meiner Karriere. Ich habe nichts zu verlieren und ich werde alles daran setzen, die Situation noch zu ändern", sagte Schleck 24 Stunden vor der Prüfung gegen die Uhr. Zumindest auf dem Papier lässt sich der Luxemburger mit einem übermächtigen Gegner ein. Alberto Contador ist der eindeutig bessere Zeitfahrer, und Andy Schleck riskiert auf den 52 km im Weingebiet des Médoc gar die Einholung durch den Spanier.
Letztes Jahr sei er in Chambéry chancenlos gewesen und habe dreieinhalb Minuten verloren, meinte Schleck weiter. Jetzt liege er nur acht Sekunden zurück, und es gehe um den Gesamtsieg in der Tour de France. Da spiele sich alles im Kopf ab. In Erinnerung wird der Gesamtzweite aber auch haben, dass er auf den 8,9 km des Prologs in Rotterdam 42 Sekunden auf Contador einbüsste.
Erinnerungen an Laurent Fignon
In der Tour de France gab es vor einem abschliessenden Zeitfahren schon einen geringeren Abstand. Claudio Chiappucci und Greg LeMond waren vor genau 20 Jahren durch nur fünf Sekunden getrennt. Am Schluss siegte der Amerikaner mit einer Reserve von 2:16 Minuten. Eine der grössten Überraschungen der Neuzeit hatte sich ein Jahr vorher gegeben. Vor den abschliessenden 24,5 km von Versailles nach Paris lag Laurent Fignon (Fr) 50 Sekunden vor LeMond. Angesichts der kurzen Prüfung gegen die Uhr schien die Sache klar. Doch Fignon litt an einer Entzündung im Gesässbereich, und LeMond trat mit seinem erstmals bei einem Rennen verwendeten Triahtlon-Lenker eine Riesenübersetzung. Der Amerikaner schaffte es so, seinen Rückstand in der Schlussabrechnung in einen Vorsprung umzuwandeln. Nach 3257 km verlor Fignon die Tour um acht Sekunden oder 82,2 Meter.
Contador kann aus einer Position der Stärke an den Start gehen. Aber der Spanier weiss natürlich auch, dass sich der geringste Zwischenfall fatal auswirken kann. Der Madrilene wird im Zeitfahren eine neu entwickelte, letztes Jahr getestete Pedale einsetzen, die aus aerodynamischer Sicht einen Zeitgewinn von zwei Prozent bringen soll.
Das Duell zwischen Contador und Schleck wird sich aller Voraussicht nach im Schatten der Spezialisten abspielen. Für das Zeitfahren sind Fabian Cancellara, Tony Martin (De) und Bradley Wiggins (Gb) favorisiert. Cancellara wurde letztes Jahr in Chambéry von Contador um drei Sekunden geschlagen. Vor zwei Jahren fuhr Stefan Schumcher (De), der später wegen eines positiven Dopingbefundes des Sieges verlustig ging, schneller als Cancellara. Der Olympiasieger möchte in der Tour de France in einem Zeitfahren endlich zu einem "richtigen" Sieg kommen.
Cavendish eine Klasse für sich
Sowohl Contador wie Schleck nutzten dier flache, 18. Etappe mit Ankunft in der Sprint-Kapitale Bordeaux, um ihre Beine in Bewegung zu halten. Der Massenspurt wurde die klare Beute von Mark Cavendish. Der Brite konnte sich auf den letzten 200 m sogar zweimal nach seinen Gegnern umsehen, so gross war seine Überlegenheit. Cavendish hatte nach gewissen Anlaufschwierigkeiten die 6., 7. und die 12. Etappe für sich entschieden. Für den Athleten von der Isle of Man zahlte sich aus, dass er sich über die Steigungen der Alpen und der Pyrenäen gequält hatte. Offenbar überstand Cavendish die Strapazen besser als seine Gegner.
Der Spurt war auf lange Distanz von Alessandro Petacchi lanciert worden. Neben Cavendish musste der Italiener auch noch Julian Dean (Neus) passieren lassen. Doch mit seinem 3. Platz eroberte "Ale-Jet" das grüne Trikot des punktebesten Fahrers zurück, weil sich Thor Hushovd zu früh im Wind befand und bei seinem 14. Platz regelrecht versauerte. "Die Sache ist für mich erledigt. Natürlich bin ich enttäuscht, dass ich diese Spezialwertung nicht wie letztes Jahr zu gewinnen vermag. Mit dieser Tour de France bin ich trotzdem zufrieden", sagte der Norweger.
Petacchi aber kann noch nicht aufatmen. Einerseits leidet er wieder an einer Bronchitis, wie schon im Giro d'Italia, wo er gar zur Aufgabe gezwungen war. Auf Hushovd beträgt des Italieners Vorsprung zehn Punkte. Die gössere Gefahr bei der Ankunft auf den Champs-Elysées morgen Sonntag geht aber von Cavendish aus, der 16 Punkte zurückliegt.