11.07.2010
(si) Das Verdikt nach dem Qualifying, das er als Zweitschnellster hinter seinem Teamkollegen Sebastian Vettel beendete, hatte Mark Webber tags zuvor mit versteinerter Miene zur Kenntnis genommen -- ein für den exemplarisch fairen Fahrer und Teamplayer aus "Down under" ungewohntes Verhalten. Es war die (nachvollziehbare) Reaktion auf einen Entscheid seines Arbeitgebers zu Webbers Nachteil.
"Vettel-Wirtschaft"
Red Bull hatte eine weiterentwickelte Version des Frontflügels nach Silverstone gebracht, von der aber nur zwei Exemplare zur Verfügung standen. Das fiese Spiel nahm am Samstagmorgen seinen Lauf, als am Auto mit Sebastian Vettel einer dieser Flügel im letzten freien Training in die Brüche ging -- und Webber die zweite Neukonstruktion an den Deutschen abzutreten hatte. Der Australier musste vom Werbeslogan, nach dem Red Bull "Flügel verleiht", auf eine unangenehme und vor allem ungerechte Art Kenntnis nehmen.
Von ausgleichender Gerechtigkeit oder von besonderer Genugtuung nach der "Vettel-Wirtschaft" wollte Webber nach seinem dritten Sieg in diesem Jahr (und dem fünften insgesamt) verständlicherweise nichts wissen. Die verbale Gegenattacke in der Öffentlichkeit verkniff er sich. Er wollte der gereizten Stimmung in der Equipe, für die er auch in der kommenden Saison tätig sein wird, nicht zusätzlichen Schub verleihen. Nicht in einem seiner grössten Glücksmomente seiner bisherigen Karriere, nicht nach dem traumhaften Ergebnis, dank dem er Vettel in der WM-Wertung wieder zu überholen vermochte. Über die aktuelle Gefühlslage verriet Webbers Mimik nach der Zieldurchfahrt genug. Zu einem Seitenhieb liess er sich lediglich intern verleiten. Die Gratulation von Teamchef Christian Horner beantwortete Webber mit den Worten: "Nicht schlecht für eine Nummer zwei, oder?"
Dem aus der Pole-Position gestarteten Vettel nützte die bevorzugte Behandlung nicht allzu viel. Der Hesse mit Wohnsitz im Thurgau hatte mit dem Ausgang des Rennens schon nach wenigen Sekunden nichts mehr zu tun. Der Vorjahressieger verlor das Start-Duell gegen Webber, kam von der Strecke ab und ruinierte sich zudem bei einem Kontakt mit dem McLaren mit Lewis Hamilton den rechten Hinterreifen. Durch den notwendig gewordenen Boxenstopp wurde Vettel ans Ende des Feldes durchgereicht. Rang 7 war das Optimum, das unter diesen Umständen noch möglich war.
Button von 14 auf 4
Eine erfolgreiche Aufholjagd hat auch Jenson Button hinter sich. Der Weltmeister wurde vom enttäuschenden Startplatz 14 aus Vierter. Button hatte mit dem miserablen Abschneiden im Qualifying die Quittung dafür erhalten, dass die Crew von McLaren das Auto nach dem missglückten Versuch mit einem neuen Diffusor am Freitag wieder umgebaut hatte. Die im dritten freien Training zur Verfügung stehende Stunde reichte nicht aus, um dem MP4-25 ein Setup zu verpassen, das für ein Topergebnis in der Qualifikation ausgereicht hätte. Dass die Einheimischen unter den 120 000 Zuschauern am Sonntag die Anlage zufrieden verlassen konnten, dafür sorgte auch der zweitplatzierte Lewis Hamilton. Der Weltmeister und Sieger von 2008 war der Einzige, der Webbers Pace einigermassen mitzugehen vermochte.
Derweil Nico Rosberg (3.) im Mercedes Kollege Michael Schumacher (9.) einmal mehr deutlich in die Schranken wies, gehörte Ferrari als Team zu den Verlierern. Felipe Massa (15.) fiel nach einem "internen Rencontre" mit Fernando Alonso und aufgeschlitztem rechtem Hinterreifen schon kurz nach dem Start aus den Traktanden. Der Spanier (14.) verspielte eine Klassierung in den ersten fünf durch ein unüberlegtes Überholmanöver gegen Robert Kubica. Alonso wählte die Abkürzung und wurde dafür von den Stewards mit einer Durchfahrt durch die Boxengasse bestraft.
Kobayashis Bestleistung -- De la Rosas Frust
Im Sauber-Team gingen nach dem Grand Prix von Grossbritannien Freude und Frust einher. Kamui Kobayashi wurde Sechster, Pedro de la Rosa wurde zur Aufgabe gezwungen. Zwei Wochen zuvor im Grossen Preis von Europa in Valencia hatte Kobayashi als Siebenter verblüfft. Nun wuchs der Japaner abermals über sich hinaus und egalisierte seine persönliche Bestleistung, die ihm im vergangenen Jahr im Finale in Abu Dhabi in einem Toyota gelungen war. Am Ursprung des erneut gelungenen Auftritts stand ein gelungener Start, mit dem Kobayashi gleich drei Positionen gutgemacht hatte und als Neunter von der ersten Runde zurückkehrt war.
Patron Peter Sauber lobte Kobayashi in den höchsten Tönen. "Im Gegensatz zum Rennen in Valencia musste Kamui über die gesamte Distanz mit viel Druck umgehen. Er hatte weder nach vorne noch nach hinten jemals viel Luft. Damit ist er sehr gut umgegangen." Der Japaner selber analysierte nüchterner. "Ich habe gar nicht viel zu erzählen. Das Auto war so schnell wie erwartet. Ich war schon vor dem Start zuversichtlich, weil ich merke, dass das Auto stetig besser wird."
Mit Startplatz 9, seiner bislang besten Ausgangslage als Fahrer des Sauber-Teams, hatte sich Pedro de la Rosa im Qualifying die Möglichkeit auf den Gewinn der ersten WM-Punkte in diesem Jahr erarbeitet. Der Rückfall in der ersten Runde um zwei Positionen nach einem Zweikampf mit Rubens Barrichello im Williams liess sich noch verkraften. Das Unheil fiel unmittelbar nach halbem Pensum über den Spanier herein, als Adrian Sutil im Force India ins Heck des Autos mit der Nummer 22 fuhr. Der Schaden war innert nützlicher Frist nicht zu reparieren. Um die Strecke von den am Sauber-Auto weggefallenen Teilen zu säubern, wurde das Rennen für kurze Zeit durch den Safety-Car neutralisiert.
Ohne Chance auf Punktezuwachs blieb Sébastien Buemi. Der Romand kam im Toro Rosso nicht über den 12. Platz hinaus. Zwischenzeitlich sah sich Buemi mit einem körnenden linken Vorderreifen konfrontiert. "Als das 'Graining' nachliess, wars zu spät. Schade, denn ich denke, ein Punkt wäre heute im Bereich des Möglichen gelegen."