09.07.2010
(Si) Zwei Jahre nach dem EM-Titel steht Spanien vor der Krönung. Im Final gegen Holland greift die "Seleccion" am Sonntag im Soccer City von Johannesburg nach dem Weltpokal. Das Double EM/WM ist bisher erst Deutschland (1972/1974) und Frankreich (1998/2000) gelungen.
Tintenfisch Paul hat entschieden. Spanien wird Weltmeister. Weil sich die Krake im fernen Oberhausen (De) über das Muschelkästchen mit der spanischen Flagge hermachte, feierten sie zwischen Cadiz und Barcelona ein erstes Mal. Bisher orakelte Paul auf diese Weise schon sechsmal den richtigen Sieger. Es kann einem spanisch vorkommen, aber der Entscheid des Tentakel-Orakels wurde in Spanien live im Fernsehen übertragen.
Dabei hätten die Spanier diesen surrealen Support gar nicht nötig. Seit dem souveränen Auftritt im Halbfinal gegen hilflose Deutsche schwärmt die Fussball-Welt wieder vom tollen "Tiqui-Taca" des Europameisters. Auch Trainer Vicente Del Bosque unterstrich zwei Tage vor dem Final nochmals die gute Darbietung aus dem letzten Spiel. "Das war wirklich eine sehr gute Leistung." Jetzt gehe es aber weiter und Spanien sei fähig, sich nochmals zu steigern.
Vor dem Endspiel machen die Spanier mobil. Der lange, zähe Anlauf zur Topform des grossen WM-Favoriten ist nur noch eine schwache Erinnerung. Er klingt bloss noch in Statistiken nach, welche zu Tage förderten, dass seit 1990 (Argentinien/5) nie mehr ein WM-Finalist auf seinem Parcours weniger Tore erzielt hat als dieses Spanien 2010. Sieben an der Zahl genügten, um Soccer City zu erreichen.
Nein, jetzt schwärmt Spanien wieder von dieser "Seleccion". Im ganzen Land sollen mehr als doppelt so viele Trikots der Mannschaft verkauft worden sein als vor zwei Jahren während der triumphalen Tage in Österreich. Und auch die rot-gelb-rote Flagge ging zigfach über den Ladentisch. Selbst in separatistischen Regionen wie Katalonien oder dem Baskenland hängen sie an den Hauswänden. Und keiner stört sich im Moment daran, dass diese Farben an sich als Symbol für die grässliche Franco-Diktatur gelten.
Der 11. Juli 2010 soll nun im gespaltenen Land zum grossen einheitlichen Feiertag werden. Endlich bietet sich Spanien die Gelegenheit, aus dem Schatten der anderen grossen Fussball-Nationen Europas - Italien, Deutschland, England und Frankreich - zu treten. Mit dem ersten WM-Titel würde Spanien den "WM-Klub der glorreichen Sieben" zu einer illustren Achterbande erweitern.
"Wir werden die Leute in der Heimat glücklich machen", sagte Carles Puyol. Der Verteidiger und Halbfinal-Torschütze erlebte im Nationalteam an Weltmeisterschaften schon manche Enttäuschung. Zuletzt 2006, als sein Team in den Achtelfinals an Frankreich scheiterte. Nach formidablen Leistungen in der Vorrunde notabene. Er war damals schon ein Routinier. Andere wie Sergio Ramos, Xavi, Xabi Alonso, Cesc Fabregas, David Villa und Fernando Torres standen gegen Frankreich auch in der Startformation, spielten in Deutschland aber ihre erste WM. Jetzt sind sie alle auch wieder dabei.
Schon 2006 hatte der Weg der Spanier nach oben gezeigt. Es fehlte im entscheidenden Moment aber die Erfahrung. Die "Furia roja" wurde von Frankreichs Routiniers um Zinedine Zidane, Liliam Thuram und Thierry Henry eiskalt abserviert, weil sie naiv ins Verderben stürmte.
Vier Jahre später ist gar nicht alles anders. Noch immer vertraut Spanien seinem Stil. Es passt ihn nicht dem Gegner an. Schon nach der Startniederlage gegen die Schweiz (0:1) hatte Stürmer Fernando Torres erklärt, Spanien werde, sofern es untergehe, mit dem eigenen, offensiven Spiel untergehen.
Vom (fussballerischen) Untergang spricht jetzt keiner mehr. Im Gegenteil. "Es gibt nur ein Spanien", sagte Del Bosque. Das Spanien, das den Ballbesitz will, das den Gegner kontrolliert, das ihn mit endlosen Kombinationen müde spielt. Ein Spanien: Das gilt auf dem Rasen und in diesen Tagen auch für die Menschen in der Heimat, die, egal in welcher Ecke des Landes, hinter der "Seleccion" stehen.