05.07.2010
(Si) Sebastian Abreu und Diego Forlan streben mit Uruguay den WM-Finaleinzug an und folglich ihr Karriere-Highlight an. Beide Spieler sind in ihren Klubs Torgaranten, ihre Biografien könnten aber unterschiedlicher kaum sein.
Als sich Sebastian Abreu am Freitagabend im Penaltyschiessen des Viertelfinals gegen Ghana anschickte, um für sein Team den fünften und möglicherweise entscheidenden Versuch auszuführen, geriet 1000 Kilometer entfernt im Medienzelt von Port Elizabeth eine Handvoll uruguayanische Journalisten in Aufruhr. "Er wird den Ball in die Mitte lupfen", riefen sie in freudiger Erwartung. Abreu ist in seiner Heimat bekannt dafür, seine Penaltys in Panenka-Manier zu treten. Rotzfrech mit einem lässigen Heber ins Zentrum des Tores. In der Hoffnung, der Goalie hechtet auf eine Seite. In Anbetracht der Wichtigkeit des Penaltys gegen Ghana, dachte man als neutraler Beobachter: "Der wird doch wohl nicht etwa..." Aber Abreu liess sich nicht beirren. Der eingewechselte Stürmer machte es in der von ihm bevorzugten Manier -- und hatte Erfolg. Ghanas Keeper Richard Kingson dürfte keinen Zettel mit den Vorlieben der gegnerischen Schützen unter den Schienbeinschonern versteckt gehabt haben wie einst Jens Lehmann.
Wegen solcher Geschichten wird Abreu "El Loco", der Verrückte, genannt. Zum Penalty sagte er: "Ich schiesse nicht immer so, nur in besonderen Momenten. Ich hatte den Torhüter analysiert und gesehen, dass er sich immer sehr früh für eine Ecke entschied. Da es bei diesem Elfmeter um den Einzug in die Halbfinals ging, dachte ich, dass er auch dieses Mal kaum stehen bleiben würde, allein schon vor lauter Adrenalin. Ich lief mit Zuversicht an. Gott sei Dank konnten wir feiern." Der Spitzname "El Loco" ist nicht übertrieben. Washington Sebastian Abreu Gallo -- schwarze Mähne, Playoff-Bart, Tattoos, Trikotnummer 13 -- ist immer für eine Episode gut. Der 33-Jährige gilt als Fussball-Hippie schlechtin. Er hat in seiner Profikarriere schon für 17 verschiedene Klubs gespielt, am exotischsten war Beitar Jerusalem. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe stand er bei Botafogo Rio de Janeiro unter Vertrag. Tore geschossen hat der 'Groundhopper' überall, mehr als 300 sind es insgesamt, fünf Mal war er Torschützenkönig.
In seiner Jugendzeit ist er einmal von einer Lokalzeitung in seiner Heimatstadt Lavalleja als Reporter an ein Basketball-Spiel geschickt worden, bei dem er selber mitwirkte. Da er der entscheidende Mann auf dem Parkett war, entschloss er sich, ein Porträt über sich zu schreiben. Der Artikel von "Negro", wie er zu Hause wegen der dunklen Hautfarbe seines Vaters genannt worden war, wurde abgedruckt...
Bescheidener Goalgetter
Solche Stories zu liefern, käme Abreus Kumpel Diego Forlan nicht einmal im Traum in den Sinn. Der bekannteste Spieler Uruguays gilt als zurückhaltender Mensch mit einer sehr ausgeprägten sozialen Intelligenz und Engagement im zwischenmenschlichen Bereich. Seine ältere Schwester Alejandra, eine ausgebildete Psychologin, sitzt seit 21 Jahren und einem schweren Autounfall gelähmt im Rollstuhl, Diego Forlan ist ihr grösster Fan. Mit ihr gründete der heute 31-jährige Stürmer die Fundacion Alejandra Forlan mit dem Ziel, junge Menschen anzuhalten, im Strassenverkehr nicht ihr Leben zu verschleudern. Forlan fällt, um beim Thema zu bleiben, in seinem Quartier im Madrider Nobelvorort Las Rozas eher unangenehm auf. Er fährt im Gegensatz zu seinen Nachbarn keine teuren Nobelkarossen, sondern einen uralten Peugeot. "Der 205 ist das erste Auto, das ich mir selber gekauft habe. Deshalb habe ich es behalten." Tönt logisch für einen, der seine Wurzeln nie vergessen hat, alles andere als der Exzentriker ist und von den Eltern "viel Verantwortung beigebracht erhalten hat".
Die spektakulären Auftritte spart sich der viersprachige Absolvent eines Wirtschaftsstudiums fürs Stadion auf. Letzter Höhepunkt auf Klubebene waren die beiden Treffer beim 2:1-Sieg nach Verlängerung im Final der Europa League gegen Fulham gewesen. Nach einem eher unglücklichen Gastspiel von 2002 bis 2004 bei Manchester United -- die Fans verspotteten ihn mit dem T-Shirt-Aufdruck "Ich war dabei, als Forlan ein Tor schoss" -- zog der langhaarige Blonde nach Spanien. Letztmals spielte Forlan für United, weil er laut Trainer Sir Alex Ferguson die falschen Stollen montiert hatte, deswegen ausrutschte und gegen Chelsea, wie öfters im Trikot der "Red Devils", eine grosse Chance vergab. Erst bei Villarreal und seit 2007 bei Atletico Madrid sorgt das Mitglied einer fussballbegeisterten Familie (Vater Pablo war Internationaler Uruguays, Grossvater und zwei Onkel spielten bei Independiente Buenos Aires) als zweifacher Torschützenkönig der Primera Division für Treffer am Fliessband. Die "Hexe", wie Forlan im Dialekt des Rio de la Plata genannt wird, hätte nichts dagegen, auf der WM-Bühne nun auch den Holländern die Suppe zu versalzen.