FUSSBALL: TERRYS SOLO INS OFFSIDE

Fussball

22.06.2010 

(Si) Eine Bieridee von John Terry hat im englischen Team hektische Stunden und eine Standpauke des verägerten Trainers Fabio Capello ausgelöst. Die Nerven liegen vor dem letzten Gruppenspiel gegen Slowenien blank.

Zerfleischt wie die Franzosen haben sich die Engländer nicht. Eine Selbstdemontage im schlechten Stil von Nicolas Anelka hat sich John Terry nicht geleistet. Aber mit seiner öffentlichen Taktikstunde spielte er den englischen Journalisten natürlich den gewünschten Steilpass. Die "Boulevard-Stürmer" haben die Vorlage mit Genuss verwertet.

"Risse im englischen Team?" Das war eine der harmloseren Schlagzeilen. Endlich lieferte einer den Stoff zur bitterbösen Geschichte. Seit die weibliche Entourage der Spieler im WM-Camp keinen Zutritt mehr hat, fehlt der Unterhaltungsfaktor ohnehin. Und auf dem Rasen langweilten die "Three Lions" mit einem einzigen Tor und zwei Unentschieden die Beobachter ohne Ausnahme.

Da kam die knorrige Analyse von Terry im richtigen Moment. Das beherzte Solo des Chelsea-Verteidigers wirbelte im Kreis der Engländer mächtig Staub auf. Er regte an, das System zu verändern. Ausser Joe Cole (bisher nicht in der Startformation) und Wayne Rooney verfüge keiner über die Klasse, eine gegnerische Verteidigung auszuspielen. Terry nahm vor zwei Tagen kein Blatt vor den Mund, dafür aber Coach Fabio Capello ins Visier.

Er habe eine klärende Aussprache mit dem Trainer gefordert. Zusammen mit ein paar anderen unzufriedenen Spielern soll beim Bier über ein besseres System gesprochen worden sein. Von einer möglichen Revolte war später die Rede. Sogar Klubkollege Frank Lampard sah sich angesichts des drohenden Fiaskos bemüssigt, die Wogen zu glätten: "John ist halt ein leidenschaftlicher Mensch."

Inzwischen hat sich Terry entschuldigt. "Kann sein, dass ich zu weit gegangen bin. Aber ich wollte doch nur ehrlich sein", übermittelte er dem Chronisten der "Daily Mail" kleinlaut. Der Rückzieher kommt vermutlich nicht von ungefähr. Capello bat den früheren Captain zum Einzelgespräch und legte ihm eine angemessenere Form der Kommunikation nahe.

So sehr darüber spekuliert wird, ob Capellos Entlassung bei einem frühzeitigen Out bereits beschlossene Sache sei, so sehr hat der "Mister" die Fäden noch in der Hand. Er wird in den kommenden WM-Tagen keinen Millimeter von seiner harten Linie abweichen. "Ich habe vor jedem Spieler Respekt. Ich verlange das gleiche auch umgekehrt."

Seine massive Verägerung über den dilettantischen Alleingang Terrys verbarg der 'Mister' 24 Stunden vor dem entscheidenden Spiel gegen Slowenien in Port Elizabeth nicht. Terry habe einen Fehler gemacht. "Einen sehr grossen sogar. Die Türe steht jedem offen, der sich mit mir über das System unterhalten will. Aber öffentlich werden solche Dinge nicht besprochen."

In die Kontroverse 'Capello vs. Terry' haben sich auf der fernen Insel natürlich mittlerweile sämtliche Experten eingeschaltet. Sogar von Manchester-United-Coach Sir Alex Ferguson kursierte ein Beitrag. "Die Spannung ist spürbar. Der Druck ist für das englische Team wohl zu gross." Selbst Kroatiens Trainer Slaven Bilic -- in der Qualifikation gesamthaft mit 2:9 abgefertigt -- wunderte sich: "Dies ist nicht mehr das gleiche England."

34 Tore schossen die Engländer auf dem Weg nach Südafrika. Kein Team im europäischen Raum hatte eine bessere Bilanz vorzuweisen. Ein einziger schwerer Missgriff von Keeper Green verunsicherte Capellos Team nun so sehr, dass es gegen Slowenien mit dem Rücken zur Wand steht. "Steht auf wie Männer. Wir wollen keine Ausreden hören, sondern Gründe für den Erfolg sehen", forderte die Zeitung 'Mirror' in grossen Buchstaben.

Es scheint, als geniesse Capello noch immer den nötigen Kredit. In vielen englischen Kommentaren wurde darauf hingewiesen, dass sich nach den 'magischen Nächten' gegen die Kroaten niemand aus dem Spielerkreis über das falsche System oder ein zu beschwerliches Trainingsprogramm beklagt habe. Auch Spieler(-Trainer) John Terry nicht.