FUSSBALL: KOPF- UND MANIERENLOS INS DEBAKEL

Fussball

22.06.2010 

(Si) Vier Jahre nach seinem erst im Final gestoppten Höhenflug in Deutschland verabschiedete sich Frankreich schon nach drei Partien von der WM in Südafrika. Die völlig zerstittene und führungsschwache "Equipe tricolore" sorgte nur neben dem Platz für Spektakel.

Die miserable Leistung, die Frankreich zum Abschluss gegen Südafrika zeigte, war das Ausrufezeichen unter dem Debakel. Die Erwartungen waren zwar selbst im eigenen Land nach der völlig missratenen EURO, der nur glückhaft überstandenen WM-Qualifikation und den schwachen Leistungen in den letzten Vorbereitungsspielen klein, doch ein solcher Absturz hatten selbst die grössten Zyniker und Pessimisten im Hexagone nicht erwartet. Ein Absturz, der sich nicht nur in fehlender Passgenauigkeit, ungenügender Raumaufteilung oder mangelhaftem Zweikampfverhalten ausdrückte, sondern vorab in der Missachtung der einfachsten sozialen Regeln.

Anstand, Ehre, Kollegialität, Respekt -- alle diese Eigenschaften flogen nicht mit Frankreich nach Südafrika. Nicolas Anelka beleidigte seinen Coach massiv, Franck Ribéry verschwendete seine Energie mit Mobbing gegen den designierten Spielmacher Yoann Gourcuff, William Gallas zeigte einem TV-Mann den Mittelfinger, Captain Patrice Evra orchestrierte längst nicht mit dem Rückhalt aller Mitspieler einen Trainingsboykott, um gegen den Rauswurf seines Zimmerkollegen Anelka zu protestieren. Die französische Sportzeitung "L'Equipe" verglich die Mannschaft mit einer Gang. Ein Haufen Flegel, der den Sinn für die Realität verloren hat. "Sie sind verrückt" urteilten die ehemaligen Internationalen Bixente Lizarazu und Christophe Dugarry unisono.

Ein Maulwurf, Machtkämpfe und Fehlurteile

Die spielerischen Mankos aufzuzählen ist überflüssig. Weil dieses französische Team offensichtlich in seiner Vorbereitung gar nie an den Punkt gelangt ist, wo fussballspezifische Fragen im Vordergrund standen. Die Spieler, grösstenteils hochbezahlte Leistungsträger in ihren Klubs, waren in ihrer Nobelherberge am Ufer des indischen Ozeans noch damit beschäftigt auf archaische Weise ihr Gruppenleben zu organisieren, als das Turnier längst begonnen hatte. Mit kleinen Machtkämpfen und Gruppenzwang zerfleischte sich das Team effizienter, als es die Gegner hätten tun können.

Dass die Streitereien durch einen "Maulwurf" an die Öffentlichkeit gebracht wurden, machte die Seifenoper perfekt. Persönlichkeiten aus Politik, Sport und Kultur äusserten sich daraufhin zu den Vorfällen. Präsident Nicolas Sarkozy beauftragte seine Sportministerin Roselyn Bachelot einen Tag vor dem WM-Aus, für Ordnung zu sorgen. Diese rief die Mannschaft etwas spät zur "Verantwortung und Wahrung der Würde" auf. Verantwortung übernahm Nationalcoach Raymond Domenech vor seinem letzten Auftritt tatsächlich. Er entfernte für die Partie gegen Südafrika den Unruhestifter Evra aus der Startformation und nahm insgesamt sechs Änderungen vor.

Doch die Massnahmen halfen nichts mehr. Domenech hatte schon vor geraumer Zeit die Kontrolle über seine Truppe verloren und vertraute den falschen Spielern. Er nahm Anelka und Evra vor der WM in die Verantwortung, verzichtete dafür auf die jungen Karim Benzema und Samir Nasri, die er bei der EURO als Störenfriede ausgemacht hatte. Sowohl Anelka als auch Evra, die zusammen mit Ribéry, Abidal und Thierry Henry eine einflussreiche Interessensgruppe innerhalb des Teams bildeten, fielen ihm bei erstbester Gelegenheit in den Rücken.

Die Fehler des Verbands

Der französische Verband hätte den Ernst der Lage längst erkennen müssen. Doch Präsident Jean-Pierre Escalettes und seine Berater machten in den letzten vier Jahren so ziemlich alles falsch, was sie falsch machen konnten. Der WM-Final 2006 täuschte über die schon damals im Ansatz zu erkennenden Probleme hinweg. Domenech erreichte die Spieler bereits in Deutschland nicht mehr, konnte aber auf die besonnenen Leader Lilian Thuram, Patrick Vieira und Zinédine Zidane zählen, um die Gruppe zusammenzuhalten. Dass der Verband sich nicht dazu durchringen konnte, den Trainer nach einer gelungen WM-Kampagne zu entlassen, ist verständlich.

Doch weshalb zwei Jahre später nach dem Vorrunden-Aus bei der EURO keine Massnahmen ergriffen wurden, ist nicht nachzuvollziehen. Die Verbandsoberen liessen sich von Domenech hinters Licht führen. Dieser versprach einen Wandel, den er aber selbst bei bestem Willen nicht hätte durchsetzen können, weil es ihm schlichtwegs an der dazu nötigen Macht fehlte. Den aber vielleicht schlimmsten Fehler machten die Entscheidungsträger im französischen Fussball in diesem Jahr. Sie präsentierten mit Laurent Blanc Domenechs Nachfolger bereits vor der WM und nahmen dem aktuellen Coach damit den letzten Rest an Autorität. Er konnte den Spielern nun nicht mal mehr damit drohen, sie in Zukunft nicht mehr aufzubieten.

Untersuchung und Neuaufbau

Den Respekt und das Vertrauen der Spieler hatte Domenech bereits vor langer Zeit verloren. Seine Bilanz mit keinem Titel in den 17 Jahren als U21- und A-Nationalcoach Frankreichs sprachen genauso gegen ihn wie seine unangenehme Art im Umgang mit seinen Mitmenschen. Einige verdienstvolle Spieler, wie etwa Vieira oder Robert Pires, wurden vom ehemaligen Verteidiger-Haudegen während dessen Amtszeit ohne vorgängiges Gespräch aussortiert. Letztlich ist der Weltmeister von 1998 zu dem geworden, was Domenech in den letzten sechs Jahren vorgelebt hat: Eine unsympathische, respektlose und unbelehrbare Truppe.

Bevor nun Laurent Blanc überhaupt mit dem Neuaufbau der Mannschaft beginnen kann, wird sich die Politik eingehender mit dem "moralischen Desaster für den französischen Fussball" (Bachelot) beschäftigen. Eine unabhängige Kommission wird die Vorfälle untersuchen. Dann liegt es an Blanc und dem neuen französischen Team die letzten zwei Jahre vergessen zu machen. Das Spielerpotential, um besser abzuschneiden, als bei den letzten beiden grossen Turnieren, ist zweifellos vorhanden.