17.06.2010
(Si) Nach dem Spiel ist vor dem Spiel! Die Schweizer Spieler haben ihren Sensationssieg gegen Spanien nur kurz genossen, ihre Gedanken galten schon am Morgen danach dem nächsten Gegner Chile. Grundlegende Überlegungen wird sich vor allem Chef-Stratege Ottmar Hitzfeld machen.
Captain Alex Frei und Valon Behrami sind Fixstarter in Hitzfelds Startformation, wenn sie fit sind. Beide fehlten jedoch beim historischen Sieg über den Europameister wegen Verletzungen. Gestern Vormittag aber meldeten sie sich im Basiscamp in Vanderbijlpark, wohin die Mannschaft unmittelbar nach Spielschluss zurückgereist war, fit zurück.
Frei und Behrami absolvierten das Training kurz vor Mittag mit jenen neun Teamkollegen, die am Mittwoch gegen Spanien nicht, oder nur kurz zum Einsatz gekommen waren. Der Plan Hitzfelds und seiner Ärztecrew, die beiden für das vorentscheidende zweite Spiel gegen Chile fit zu bringen, scheint aufzugehen.
Offene Fragen
Doch benötigt der Schweizer Nationalcoach die beiden nach dem unerwarteten Erfolg über den Europameister überhaupt? Schwören nicht die meisten Trainer darauf, nie ein siegreiches Team zu verändern? Wäre es nicht fatal, die gegen Spanien derart kompakt und solidarisch aufgetretene Einheit auseinanderzureissen?
Fragen, die sich nach der Rückkehr von Frei und Behrami ins Mannschaftstraining zwangsläufig aufdrängen, die von Hitzfeld gestern jedoch nicht beantwortet wurden. Der Schweizer Coach lässt sich wie gewohnt nicht in die Karten schauen, er wird die nächsten vier Tage bis zum Spiel nutzen, um alle Varianten und Möglichkeiten durchzudenken.
Freis Ehrgeiz
Fakt ist: Alex Frei ist der Schweizer Captain. Er ist auch der Schweizer Rekordtorschütze und hat für diese Mannschaft schon sehr viele wichtige Treffer erzielt. Ohne Freis Tore wäre die Schweiz nicht in Südafrika dabei. Und Frei ist enorm ehrgeizig, er will unter allen Umständen aufs Spielfeld zurück, nachdem er das Auftaktspiel wegen seiner Knöchelverletzung ohnmächtig von der Ersatzbank aus mitverfolgen musste.
Doch es stellen sich zwei wichtige Fragen: Kann Frei nach seinen beiden Verletzungen der letzten Monate sowie den vielen fehlenden Spielen und Trainings überhaupt in Form sein? Die mangelnde Wettkampfpraxis vermochte er jedenfalls bereits gegen Costa Rica und Italien nicht zu verbergen. Und seither fehlen ihm sämtliche Trainings mit der Stammformation.
Falls die erste Frage trotz erheblicher Bedenken mit Ja beantwortet werden kann, so bleibt offen, für wen der FCB-Stürmer ins siegreiche Team rücken könnte. Am System wird Hitzfeld auch gegen die Chilenen nicht rütteln. Die beiden Viererreihen haben mehr als überzeugt, sie agierten praktisch fehlerfrei und brachten den Europameister mit fairen Mitteln zum Verzweifeln. Und Eren Derdiyok sowie Blaise Nkufo aus dem Team zu nehmen, würde wohl kaum verstanden.
Nkufo und Derdiyok stark
Die beiden Stürmer halfen gegen Spanien im ersten Durchgang mit uneigennützigem Einsatz mit, ein Gegentor zu verhindern. Und nach dem 1:0, das von Nkufo mit dem Kopfball auf Derdiyok und von diesem danach zielstrebig und unerschrocken eingeleitet wurde, steigerten sich beide praktisch von Minute zu Minute. Sie fanden nun jenen Platz zwischen den spanischen Reihen, der ihnen vor dem Führungstreffer noch nicht gewährt worden waren. Nkufo vermochte den Ball zu halten, liess damit wichtige Zeit verrinnen und Derdiyok, der in der Rolle von Frei agierte, hatte in der 74. Minute beim Pfostenschuss das 2:0 nur um Zentimeter verpasst.
Behrami für Barnetta?
Vielleicht um eine Spur einfacher gestaltet sich die Situation um Behrami. Der kampfstarke und unerschrockene Mittelfeldspieler von West Ham United war zwar bereits gegen Costa Rica geschont worden und verpasste wegen seiner Muskelverletzung sämtliche Trainings seit dem Italien-Spiel, der Formstand des Tessiners hat darunter jedoch deutlich weniger gelitten, als jener von Frei. Wäre Behrami gegen Spanien fit gewesen, hätte wohl Tranquillo Barnetta auf die Bank weichen müssen. Der Leverkusen-Söldner liess im Nationalteam seit über zwei Jahren seine im Klub regelmässig gezeigte Klasse vermissen.
Gegen Spanien allerdings war auch der St. Galler auf der rechten Seite ein wertvolles Steinchen in Hitzfelds Mosaik. Er kämpfte, rackerte und lief wie selten in den letzten Länderspielen. Trotzdem erreichte Barnetta nicht ganz das gleich hohe Niveau wie seine Mittelfeldkollegen. Dies mag eine kleine Chance für Behrami sein. Gegen die chilenische Mannschaft könnte dieser mit seiner Robustheit und dem Offensivdrang noch eine Spur mehr Akzente setzen als Barnetta.
Traditionalist Hitzfeld
Hitzfeld entpuppte sich in seinen bisherigen Dispositionen als Schweizer Nationalcoach eher als Traditionalist, auch wenn er zwischendurch mit unerwarteten Wechseln überraschte. Ähnlich hatte er es schon zu früheren Zeiten in seinen Klubs gehalten. 1997, als er Borussia Dortmund den Sieg in der Champions League bescherte, hat er laut eigenen Angaben drei Nächte nicht geschlafen, ehe er wusste, wie er im Final gegen Juventus Turin (3:1) spielen wollte. Sein Abwehrchef Matthias Sammer hatte beide Halbfinals gegen Manchester United verpasst und war bei den beiden 1:0-Erfolgen durch den Österreicher Wolfgang Feiersinger hervorragend vertreten worden. Im Final aber spielte der wieder fite Sammer, während Feiersinger nur auf der Tribüne Platz nehmen durfte.
Seither sind 13 Jahre vergangen, Hitzfeld hat viele weitere Erfolge gefeiert und er wird nun nicht mehr drei schlaflose Nächte verbringen. Frei und Behrami werden sich wohl eine weitere Woche gedulden müssen, ehe sie gegen Honduras auf eine Einsatzchance hoffen dürfen. Es sei denn, Verletzungen machen Hitzfeld einen neuen Strich durch die Rechnung.