13.06.2010
(Si) Das "Mutterland des Fussballs" klagt einmal mehr über ein Goalie-Problem. Ein weiterer englischer Keeper hat sich einen entscheidenden Aussetzer geleistet. Durch Robert Greens Fehlgriff beim 1:1 gegen die USA büssten die "Three Lions" zwei Punkte ein.
Es lief die 40. Minute an diesem Samstagabend im Royal-Bafokeng-Stadion zu Rustenburg. England führte im Duell mit den Amerikanern und befand sich auf gutem Weg, den Vorsprung in die Pause zu retten. Robert Green war bis zu diesem Zeitpunkt selten geprüft worden.
Dann sah es so aus, als ob er vor dem Seitenwechsel nochmals Arbeit bekommen könnte. Der Weitschuss von Clint Dempsey fiel aber recht harmlos aus. Dem Versuch lag Verzweiflung zugrunde. Eine leichte Beute für Green, dachte man. Doch der Torhüter brachte den Körper nicht hinter den Ball (wie man es richtig macht, lernt man bei den E-Junioren), und das Spielgerät rutschte ihm durch die Finger, ehe es über die Linie kullerte. Das Nachhechten war vergebens. Es herrschte Fassungslosigkeit auf englischer Seite.
Green wirkte geschockt. Mit versteinerter Miene hob er die eine Hand, um sich bei seinen Teamkollegen zu entschuldigen. Es sollte die Schlüsselszene in dieser Partie bleiben. England verpasste den idealen Start ins WM-Turnier. Green zeigte sich nach dem Abpfiff einsichtig. Er suchte nicht nach Ausreden, verschonte den "Jabulani" mit Kritik. Die Medien auf der Insel hatten kein Erbarmen mit Green. Es machten Formulierungen wie "Die Klumpenhand", "Rob ist immer noch zu grün für England" (wohl in Anspielung auf seine wenigen Länderspiel-Einsätze) oder "God save our Green" die Runde.
Von Seaman bis Carson: Pleiten, Pech und Pannen
Robert Green fügte sich mit seinem Faux-Pas in eine Reihe von englischen Goalies ein, welche in den letzten Jahren im Trikot der Nationalmannschaft mindestens einen groben Bock geschossen haben. An der WM 2002 war David Seaman mitschuldig am Viertelfinal-Out gegen Brasilien, weil er sich durch einen scheinbar ungefährlichen Freistoss von Ronaldinho überraschen liess. Seamans Nachfolger David James produzierte die Patzer gleich am laufenden Band -- was ihm den wenig schmeichelhaften Spitznamen "Calamity James" ("Katastrophen-James") einbrachte.
Die Hoffnungen in Paul Robinson und Scott Carson erfüllten sich ebenfalls nicht. Die beiden gehören zu den Sündern bei Englands gescheiterter Qualifikations-Kampagne vor der letzten EM. Sie machten dem direkten Konkurrenten Kroatien regelrecht Geschenke. Robinson wurde zur Lachnummer, als er im Hinspiel in Zagreb unbedrängt an einer Rückgabe von Gary Neville vorbeischlug und seinem Vordermann ein Eigentor einbrockte. Im Rückspiel im Wembley-Stadion liess der unerfahrene Carson à la Green einen unplatzierten Weitschuss von Nico Kranjcar passieren. EM ade, bedeutete dies. Carson war der Buhmann.
Es kommt nicht von ungefähr, dass England 1966 beim Gewinn des bisher einzigen WM-Titels mit Gordon Banks auf einen sehr verlässlichen Rückhalt vertrauen konnte. Sein Spitzname war "Banks of England", weil er in hohem Masse Sicherheit ausstrahlte. Er galt global gesehen als einer der Besten seiner Generation. Im Jahr 2010 ist die Goalie-Position die Achillesferse der "Three Lions". In diesem Mannschafts-Teil fehlen Weltklasse-Leute. Dies könnte sich als verhängnisvoll erweisen.
"Big Four" mit Ausländern
Es ist bezeichnend, dass es heuer sogar der mittlerweile 39-jährige "Calamity James" von Premier-League-Absteiger Portsmouth ins WM-Kader geschafft hat. Der kurzfristig zur Nummer 1 bestimmte Robert Green steht beim beinahe relegierten West Ham United unter Vertrag. Der dritte im Bunde, Newcomer Joe Hart, war zuletzt von Manchester City an Birmingham City ausgeliehen.
Sie sind drei von nur fünf englischen Torhütern, die in der Premier League einen Stammplatz haben. Bei den "Big Four" der englischen Elite-Liga hüten primär Ausländer das Tor. Champion Chelsea hat den Tschechen Petr Cech, Manchester United den holländischen Altmeister Edwin van der Sar. Arsenal London und der FC Liverpool beschäftigen die Spanier Manuel Almunia und Pepe Reina. Über eine Einbürgerung von Almunia ist in der Not schon spekuliert worden.
Fragezeichen vor Match gegen Algerien
Was macht Fabio Capello nun? Hält er für das Spiel vom Freitag gegen Algerien an Robert Green fest? "Ich werde mit ihm sprechen und dann entscheiden", sagte der Italiener. Ob mit David James oder Joe Hart das Risiko minimiert wäre, ist mehr als fraglich. Die schadenfreudigen unter den Fussballfans lauern jedenfalls bereits jetzt auf den nächsten englischen Goalie-Flop.