12.04.2010
(Si) Wer 250 Millionen Euro für neue Spieler ausgibt, erwartet etwas für sein Geld. Wenigstens einen Titel -- egal, wie unbedeutend er ist. Stattdessen steht Real Madrid wieder vor einem titellosen Jahr und der bitteren Erkenntnis, dass Erzrivale Barcelona derzeit einfach besser ist.
Gedanken an den 7. Mai 2008 helfen jedem Real-Fan durch die aktuellen schweren Zeiten. Damals erlitt "Barça" den Gipfel der Demütigung, als es im "Clasico" im Santiago Bernabeu für den neuen Meister Real Madrid vor der Partie Spalier stehen musste und danach auch noch 1:4 verlor. Vor zwei Jahren war die Welt der "Königlichen" noch in Ordnung, die Wachablösung auf Spaniens Fussball-Thron schien in weiter Ferne zu liegen.
Vier "Clasico"-Niederlagen und 250 Millionen Euro später ist die Ernüchterung in der Hauptstadt gross. Das neue Fussball-Mekka auf der iberischen Halbinsel heisst Barcelona. Die Katalanen haben Sphären erreicht, die ausserhalb der Reichweite des weissen Balletts liegen. Ein Vergleich zwischen den beiden dominierenden Klubs in Spanien zeigt, weshalb "Barça" die Nummer 1 ist.
Die Stars: Messi vs. Cristiano Ronaldo 1:0
In aller Munde ist Lionel Messi, der Fussball-Gott, der Nachfolger des grossen Diego Maradona. Die Nummer 10 von Barcelona verzückt mit seinen Toren die ganze Welt, der kleine Argentinier wirbelt regelmässig die gegnerischen Defensiven durcheinander. Bereits 27 Tore hat Messi in der Primera Division erzielt -- Cristiano Ronaldo ist mit 18 Treffern hinter Gonzalo Higuain (24) zweitbester Skorer seines Teams.
Cristiano Ronaldo ist ein Star und will als Einzelspieler brillieren. Wenn es seinem Team läuft, dann läuft es auch ihm. Bei harzigen Spielen macht der Portugiese aber gerne Theater, verwirft die Arme, schickt seinen Teamkollegen böse Blicke zu. Ein harmonisches Team sieht in diesen Momenten anders aus. Sein Gegenüber Messi wirkt dagegen bescheiden. Er weiss, wem er seinen Erfolg zu verdanken hat: "Ich bin nicht besser als Ronaldo, unsere Mannschaft ist besser als die von Real."
Die Teams: Barcelona vs. Real Madrid 2:0
Barcelona besticht mit einem noch nie dagewesenen Kollektiv. Die Spielgenauigkeit, die schnellen Pässe, die Kunst, den Ball in den eigenen Reihen zu halten -- das macht den Zauber der Katalanen aus. Jede Abteilung bei Barcelona ist stark besetzt, ein Ausfall -- auch jener von Messi -- kann jederzeit kompensiert werden. Torhüter Victor Valdez ist mit nur 19 Gegentoren der statistisch beste Goalie Spaniens, deutlich vor Real-Schlussmann Iker Casillas (28 Gegentore). Valdez kann mit dieser Leistung durchaus auf einen Platz im spanischen WM-Kader hoffen.
Herzstück der "Blaugranas" ist aber das derzeit weltbeste Mittelfeld mit den spanischen Internationalen Xavi und Andres Iniesta. Wenn diese beiden ihre Pässe in die Tiefe schlagen, sieht wohl fast jeder Stürmer gut aus. Keine Frage: Auch Real Madrid verfügt über äusserst gute Spieler, als Team funktionieren die "Königlichen" aber (noch) nicht. Wenn Spielmacher Xabi Alonso ausfällt, fehlen oft die zündenden Ideen. Die Verpflichtung von Kaka muss bisher als Reinfall gewertet werden. Der Brasilianer ist dem Ruf, den er sich bei Milan erspielt hat, noch nicht gerecht geworden.
Die Trainer: Guardiola vs. Pellegrini 3:0
Josep Guardiola (39) und Manuel Pellegrini (57) haben eines gemeinsam: Sie waren als Spieler ihren Klubs während Jahren treu. Guardiola bestritt während elf Jahren 263 Partien für den FC Barcelona, Pellegrini spielte in seiner gesamten Karriere (1973 bis 1986) nur für Universidad de Chile und kam auf 451 Spiele für seinen Verein. Auch als Trainer wirkte er nur in Südamerika, bevor er 2004 von Villarreal verpflichtet wurde. 2005/06 erreichte er mit dem in Spanien nicht zur Elite zählenden Team die Halbfinals der Champions League.
Während Pellegrini nur 1979 den Cup in seiner Heimat Chile gewinnen konnte, ist das Spieler-Palmares von "Pep" Guardiola um einiges umfangreicher: sechs spanische Meistertitel, zwei spanische Cupsiege, Gewinn des letzten Europacups der Landesmeister (1992), Gewinn des Cupsieger-Cups (1997), Olympia-Gold 1992 in Barcelona. Guardiola gilt als einer der besten Captains, die Barcelona je hatte. Deshalb ist er bei den Fans auch so beliebt. Der Mittelfeldspieler galt in seiner Aktiv-Zeit als kämpferisch stark und äusserst ballsicher. 2007 übernahm er als Trainer die Reserve-Mannschaft von Barcelona. Nach nur einem Jahr ersetzte Guardiola Frank Rijkaard als Coach der ersten Mannschaft. Nach einer Anpassungs-Saison schaffte Guardiola mit seinem Team das Triple (Meisterschaft, Cup, Champions League).
Die Präsidenten: Laporta vs. Perez 4:0
Barcelona wird seit 2003 vom Juristen Joan Laporta präsidiert. Als erste Amtshandlungen verkleinerte er den als korrupt geltenden 102-köpfigen Vorstand und sanierte den katalanischen Vorzeige-Klub. Unter Laporta wurden unter anderen Ronaldinho, Samuel Eto'o oder Deco verpflichtet. Laporta sparte im letzten Juni auch nicht mit Kritik am Erzrivalen. Die horrenden Ausgaben von Real-Präsident Florentino Perez bezeichnete Laporta als "imperialistisch und überheblich". Im Gegensatz dazu stehe das Modell von Barcelona, das auf "Anstrengung, Talent, vorausschauendem Planen und gesundem Menschenverstand" basiere.
Nicht nur Laporta, auch manch ein Real-Fan zweifelt inzwischen wohl am Sachverstand von Präsident Perez. Der millionenschwere Bauunternehmer war bereits zwischen 2000 und 2006 Vorstands-Vorsitzender bei den "Merengues". Unter ihm wurde die Ära der "Galacticos" eingeläutet. Perez wurde gewählt, weil er die Verpflichtung von Luis Figo -- damals Spieler bei Barcelona -- in Aussicht stellte. Danach kam jedes Jahr ein weiterer Star dazu: Zinédine Zidane, Ronaldo, David Beckham.
Damals liessen sich die Investitionen noch in Titel umwandeln. Zwei Meistertitel, zwei Champions-League-Siege 2000 und 2002 -- der letzte Real-Erfolg in der "Königsklasse". 2009 kehrte Perez als Präsident zurück, weil all seine Gegenkandidaten das geforderte Eigenkapital von 57 Millionen Euro nicht aufbringen konnten. Nun versucht er, an seine galaktischen Erfolge anzuknüpfen. Zum Leidwesen der Fans dauert seine zweite Amtszeit noch bis 2013.