EISHOCKEY: NLA-PLAYOFF-FINAL

Eishockey

08.04.2010 

(Si) Das erste Final-Duell zwischen dem SC Bern und Genève-Servette kündigt sich als spannender Höhepunkt der Playoffs an. Beide Klubs haben eine brillante Qualifikation gespielt. Nach einem schwachen letzten Jahr sind sie zurück -- auch dank ihren kanadischen Coaches.

Nur einen Punkt mehr als Genf gewann Bern (101) in den 50 Runden des NLA-Vorprogramms. Der SCB verlor indes sämtliche drei Heimspiele gegen "Les Grenats". Dafür hat er bereits drei Playoff-Serien gegen den "GSHC" schadlos überstanden. Kurzum: Eine verlässliche Prognose lässt sich nicht machen.

Teambildung geschafft

Der SCB hat eine beeindruckende Wende hinter sich. In den vergangenen beiden Jahren verabschiedete sich der Liga-Koloss zweimal auf blamable Weise in der ersten Playoff-Runde. Das Management verlor im Gegensatz zur Equipe die Übersicht in jener trüben Phase nicht und bereinigte das Kader am richtigen Ort.

Mit Larry Huras engagierte CEO Marc Lüthi als Ersatz für den im März 2009 entlassenen John van Boxmeer den richtigen Mann. "Ein tobender Psychologe wäre nicht schlecht", veröffentlichte Lüthi vor einem Jahr im Interview mit der "BZ" das Profil des Wunschtrainers. Gekommen ist einer, der die Energieströme innerhalb des Teams smarter kanalisiert als sein rustikaler Vorgänger.

Zwölf Monate genügten Huras zur Teambildung. Er setzte auf Charakterköpfe. Nicht nur die Skorerwertung war beim Verteilen der Chargen ein Kriterium. Leidenschaft und Selbsteinschätzung spielten eine ebenso grosse Rolle. Bei Martin Plüss und Ivo Rüthemann, den beiden erfolgreichsten Skorern im Team, ist die sportliche Qualität wesentlich grösser als das Ego.

Gegen 30 Spieler kämpfen um einen Platz auf dem Matchblatt. Die Jungen sind nicht nur Mitläufer, sie sind ein Faktor -- allen voran der noch nicht 20-jährige Offensiv-Verteidiger Roman Josi. Der NHL-Kandidat verkörpert den "neuen" SCB perfekt: jung und unberechenbar.

Netzwerker Lüthi

Erstmals seit dem letzten Titelgewinn (2004) ist die mächtigste Hockey-Organisation der Schweiz wieder auf allen Ebenen dominant. Die Vermarktung des Vereins funktioniert seit Jahren erstklassig. Weit über 15 000 Zuschauer zieht der SCB im Schnitt an -- kein Team in Europa spielt regelmässig vor einer grösseren Kulisse. Entsprechend hohe Einnahmen generiert der SC Bern in dieser Sparte.

Immer wieder hat der SCB zudem Geld in den Ausbau der PostFinance-Arena gesteckt und ist in der Gastroszene präsenter denn je. Die VIP-Gäste werden kulinarisch verwöhnt, die Hardcore-Anhänger auf der steilen Rampe nicht vernachlässigt. Marc Lüthi kommuniziert mit allen Schichten gut; er gilt als erstklassiger Netzwerker.

Nun will das SCB-Unternehmen mit geschätztem Umsatz von 35 Millionen Franken gegen Servette den letzten Schritt aus dem Schatten der vergangenen Saisons vollziehen. Die nationale Konkurrenz hat die Zeichen der neuen SCB-Zeit zuletzt erkennen müssen. Ohne Gnade schaltete Huras' Team Lugano und Kloten aus.

Wer mit einer 8:0-Bilanz in den Final einzieht, dem ist die Favoritenrolle zuzuordnen. Ein Optimist mit SCB-Hintergrund könnte sich sogar die verwegene Frage stellen, ob der zwölfte Meistertitel sogar ohne Niederlage sichergestellt werden kann. Nur zweimal seit Einführung des Playoff-Formats trumpfte ein Verein im "ähnlichen" Stil auf: Lugano gewann 1986 (4:0 Siege) und 1987 (6:0) verlustpunktlos.

System McSorley funktioniert

Der Herausforderer aus Genf hat sich nur am Rande mit der SCB-Hausse befasst. Die Servettiens rangen im Derby Fribourg (4:3) und im Halbfinal Zug (4:2) nieder. Das 7:2 im letzten Spiel in der Herti war ein Ausrufezeichen. Juraj Kolnik (4 Tore) und Co. waren nicht mehr zu stoppen. "Dieses Genf ist atemberaubend!" titelte "Le Matin".

Die zweite Final-Teilnahme innerhalb von drei Jahren weckt Begehrlichkeiten. Eine ganze Region, womöglich sogar weite Teile der Romandie träumen vom ersten Titel einer Westschweizer Equipe seit La Chaux-de-Fonds' Triumph 1973. Servette hat am Lac Léman eine Euphorie ausgelöst. Zeitweise erschienen über 300 Fans im Training.

Chris McSorley hat die ungenügende letzte Saison richtig analysiert. Mit Tobias Stephan (Dallas Stars) transferierte der Kanadier einen Goalie aus der NHL nach Genf. Jeff Toms (SCL Tigers) verstärkte die Offensive erheblich, und der Tscheche Marek Malik ist für die Defensive ein Glücksfall. Der Coach entpuppte sich einmal mehr als gewiefter Manager und Planer.

Ausgerechnet in der Stadt der Diplomaten hat McSorley einen glasklaren Umgangston etabliert. Der Nordamerikaner will keinen Popularitäts-Preis gewinnen, ihm geht es ausschliesslich um den Erfolg. Dass er sich mit seinen (bewusst vorgetragenen) Tiraden in der Liga keine Freunde geschaffen hat, kümmert McSorley nicht. Auch seine eigenen Spieler verschont er nicht. Probleme werden im Team-Plenum ohne Rücksicht auf Verluste diskutiert.

Das System McSorley funktioniert. Das Personal akzeptiert die schwierige Art des Trainers, weil immer wieder Fortschritte erkennbar sind. Der Coach ist für alle eine Leitfigur. Neun Jahre arbeitet er nun bereits in Genf. 2002 führte er den Traditions-Klub in die Elite-Liga zurück. Nach dem Rückzug der Anschutz-Gruppe stieg McSorley gar zum einflussreichen Teilhaber auf.

Der Kommentator von "Le Matin" beschrieb den vermutlich wichtigsten Input McSorleys treffend: "Vielleicht hat McSorley den Nachweis erbracht, dass es auch in der Schweiz manchmal nötig ist, ein Schreihals zu sein und den Ellbogen einzusetzen." Er verschütte zwar ab und zu Tinte, aber seine Kompetenz als Trainer schätzten alle, hielt der mediale Beobachter fest.