SKI NORDISCH: SKIFLUG-WM IN PLANICA

Ski Nordisch

18.03.2010 

(Si) Skifliegen in Planica sind immer auch eine Rekordjagd. Nachdem das Profil der weltgrössten Schanze modernisiert worden ist, stehen die Chancen auf den ersten regulären 240-m-Sprung besser als in den letzten Jahren.

"Der Weltrekord würde mir mehr bedeuten als WM-Gold", sagte Simon Ammann vor dem ersten Wettkampftag der Skiflug-Weltmeisterschaften in Planica. Und fügte mit dem typischen Schalk in den Augen bei: "Aber das eine schliesst das andere ja nicht aus." Gregor Schlierenzauer, der acht seiner zwölf Skifliegen gewonnen hat und als Titelverteidiger antritt, sah es genauso. "Medaillen sind eine schöne Nebensache." Die besten Skispringer der Welt sind wieder im Weitenfieber, wie jedes Jahr, wenn sie ins "Tal der Schanzen" im Dreiländereck Slowenien-Italien-Österreich kommen. Dieses Jahr geht es in Planica, wo Walter Steiner 1972 als erster Skiflug-Weltmeister in die Sportgeschichte einging, eben auch noch um Titelehren.

Seit den verrückten Tagen vor fünf Jahren, als der Weltrekord in drei Schritten um acht Meter auf 239 m verbessert wurde, kam keiner näher als bis auf 4,5 m an die Marke von Björn Einar Romören heran. Es war vor zwei Jahren Schlierenzauer, der wie der Norweger auch jetzt wieder zum Favoritenkreis zählt. Mit der Bestweite von 230,5 m zeigte Romören am Trainings- und Qualifikationstag auf, dass heuer wieder alles möglich ist. Simon Ammann stand dem Spezialisten in nichts nach und flog trotz drei Luken weniger Anlauf 225,5 m -- neun weiter als Adam Malysz und sogar 19,5 weiter als Schlierenzauer bei allerdings schlechteren Windverhältnissen. Ammann stellte damit eine offizielle persönliche Bestleistung auf. Sein Traumsprung vom Vorjahr auf 233 m wurde von den Puritanern nicht als Rekord anerkannt, weil Ammann bei der Landung in den Schnee gegriffen hatte.

"Das war noch ein rechtes Stück vom Optimum entfernt", sagte Ammann gestern. Vor allem beim Absprung ortete der vierfache Olympiasieger Steigerungspotenzial. Fast wichtiger war für Ammann aber die Erkenntnis, dass er auch zehn Meter weiter fliegen und trotzdem sicher stehen könnte. Auf Druck der FIS wurde das Profil der Schanze an die Flugkurven des modernen Skifliegens angepasst. Von demher scheint nichts mehr gegen einen Weltrekord zu sprechen.

Ammann soll bei seinem 233-m-Satz einen maximalen Luftstand von zwölf Metern gehabt haben. Solch gefährliche Höhen werden die Athleten nicht mehr erreichen. Wichtiger für Rekordweiten ist aber, dass es ganz unten später und harmonischer flach wird. Ammann setzt die oberste Grenze des Möglichen bei 245 m an. Noch weiter unten dürften Bruchlandungen endgültig nicht mehr zu vermeiden sein. Janne Ahonen war 2005 der bisher einzige 240-m-Sprung gelungen. Doch aus einem weiteren Rekord wurde nichts -- der Finne stürzte bei der Landung im Flachen. In seiner kürzlich erschienenen Biographie behauptet Ahonen, am Abend zuvor das Bier gleich literweise in sich hineingeschüttet zu haben. Dabei versetzt das Skifliegen die besten Athleten auch nüchtern in einen Rauschzustand.

"Weiter, immer weiter", lautet ihre Maxime. Für Ammann ist es "mehr ein Extrem- als ein Spitzensport". Damit jemand 240 m weit fliegen kann, müssen viele Faktoren zusammenpassen. Von der Jury wird die Rekordjagd seit den grenzwertigen Ereignissen von 2005 nicht mehr gefördert. "Wer Weltrekord springen will, muss die Jury austricksen", sagte Ammann. Wenn vor einem Athleten seiner Güteklasse ein Konkurrent in den kritischen Bereich vorstösst, wird die Jury wegen der neuen Kompensationsformel erst recht nicht zögern, den Anlauf zu verkürzen.

Die äusseren Bedingungen können zwar die Rangliste nicht mehr gleich stark verfälschen. Für richtig weite Flüge bleiben sie aber entscheidend. Weil die Schanze in einem Kessel liegt und von Gipfeln der Julischen Alpen umgeben ist, entsteht bei starker Sonneneinstrahlung Thermik -- vor allem, wenn wie am Samstag vormittags gesprungen wird. Der Aufwind trägt die Cracks in der letzten Flugphase wie auf einem Luftkissen. Optimal sind die Bedingungen, wenn es im oberen Teil der Anlage windstill ist die Athleten mit zunehmender Flugdauer von immer stärker werdendem Aufwind profitieren. Stimmen dann einmal alle äusseren Konstellationen, müssen die Flieger die Gelegenheit auch noch beim Schopf packen können. Diesbezüglich strahlt Ammann grösste Zuversicht aus: "Ich bin noch nie in so guter Form hierher gekommen. Das in geniale Flüge umzusetzen, ist mein erklärtes Ziel."