CURLING: KANADISCHE ANSPRÜCHE

Curling

24.02.2010 

(Si) 5600 kanadische Fans werden schreien und toben. Ob das für Kevin Martin und Cheryl Bernard, die aktuellen Lieblinge der Curlingnation Kanada, wirklich ein Ansporn oder doch eher eine Belastung ist, wird sich in den entscheidenden Partien des Olympia-Turniers zeigen.

British Columbia ist nicht die kanadische Provinz mit der höchstentwickelten Curlingkultur. "BC" stellte in den letzten 20 Jahren nur einen der vielen kanadischen Weltmeister, das war Greg McAulay im Jahr 2000. Das Curlingpublikum in Vancouver ist eher ein Hockeypublikum. Fehlsteine der Gegner werden frenetisch bejubelt, obwohl das nach dem schottischen "Spirit of Curling" verboten und nicht nur verpönt ist. Die wahren Kenner und Geniesser leben in den weiten Ebenen der Provinzen Alberta, Manitoba und Saskatchewan, auch in Ontario. An den wichtigsten Anlässen wie den kanadischen Meisterschaften füllen sie zu Zehntausenden die Stadien in Calgary, Edmonton, Winnipeg, Regina oder Toronto.

Unabhängig von den Provinzen sind die Ansprüche an die kanadischen Teams in den internationalen Konkurrenzen immer die gleichen: Der Sieg muss her, nur Gold zählt, schon Silber ist eine Schmach.

Colleen Jones, eine begnadete Curlerin, die nur durch unaufhörliches Kaugummikauen unangenehm auffiel, sollte 1999 in Saint-John in der Provinz New Brunswick unbedingt Weltmeisterin werden. Sie verlor früh in der Vorrunde einige Spiele und wurde nur Fünfte. Das Publikum pöbelte sie an und beschimpfte sie. "Weisst du eigentlich, wie viel Eintritt ich hier bezahle?", schrie ihr eine entrüstete Zuschauerin entgegen. Jones wurde später zweimal Weltmeisterin -- aber nicht in Kanada, sondern fernab in Lausanne und im schwedischen Gävle.

Kevin Martin ist der derzeit wohl beste Curler überhaupt. Aber nach den kanadischen Massstäben ist er ein Loser. Zweimal verlor er in Kanada einen WM-Final, 1991 in Winnipeg, 2009 in Moncton, beide Male gegen Schottland. An der WM 1997 in Bern schied er schon im Halbfinal aus. Der grösste Fleck im Reinheft ist der Olympia-Final 2002, den er mit dem letzten Stein im zehnten End gegen Norwegens Pal Trulsen verlor. Weltmeister wurde Martin nur gerade 2008 in Grand Forks (USA). Ein Erfolgsquotient von 20 Prozent ist für das kanadische Männercurling miserabel. Seit 1980 stellten die Kanadier in 19 von 30 Fällen, also zu 63 Prozent, den Weltmeister.

Wenn es in den nächsten Tagen um den Olympiasieg geht, wird Kevin Martin einem unerhörten Druck ausgesetzt sein. Die neun Siege in neun Spielen der Vorrunde werden ihm nichts mehr nützen. Auch für Cheryl Bernard wird nur Gold zählen. Ihre beiden olympischen Vorgängerinnen Kelly Law 2002 und Shannon Kleibrink 2006 wurden jeweils nur Dritte.