17.02.2010
(Si) Beim Blick auf den Medaillenspiegel wähnt sich der kommende Olympia-Gastgeber Russland in einem Albtraum: Platz 19 hinter Australien, Estland und Polen und meilenweit hinter der "kleinen" Schweiz, die als drittbeste Nation das Riesenreich in den Schatten stellt.
Vier Jahre vor den Spielen im Schwarzmeer-Kurort Sotschi deutet sich für die Wintersportler aus dem 17 Millionen Quadratkilometer grossen Staat ein Debakel an. Nach einem Viertel der 86 Entscheidungen haben die Russen in Vancouver erst eine einzige Medaille geholt: Eisschnellläufer Iwan Skobrew mit Bronze über 5000 m ist bisher der einzige, der Edelmetall für "Mütterchen Russland" holte.
0-0-1: Doppel-Null statt Lizenz zum Siegen -- damit kann die sonst so mächtige Wintersport-Nation nicht zufrieden sein. Vor vier Jahren in Turin waren die Russen mit 22 Medaillen noch die Nummer 4 hinter Deutschland (29), den USA (25) und Österreich (23). Nun muss schnell eine Wende her, denn in Russland will niemand warten, bis die "Sbornaja" am Schlusstag vielleicht Eishockey-Gold holt, das eigentlich schon bei Gastgeber Kanada fest eingeplant ist.
Die russische Zeitung "Komsomolskaja Prawda" wagt einen Erklärungsversuch für den verschlafenen Olympia-Start. Eine Ursache sei die "verlorene Generation" der 90er Jahre, als auch der Sport am Tiefpunkt war. Der Zusammenbruch der alten Strukturen wirkt bis heute nach. Aus Stadien wurden in den 90ern Marktplätze, Profisportler wurden mit ein paar Kopeken abgespeist, beklagte die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin von Turin und heutige Duma-Abgeordnete Swetlana Schurowa.
Zahlreiche Spitzentrainer wanderten in den 90er Jahren in die USA ab und nahmen ihre Talente gleich mit. Gutes Beispiel für den russischen Untergang ist der Eiskunstlauf: Jewgeni Pluschenko ist zwar nach dem Kurzprogramm auf Goldkurs, doch erstmals seit 1960 kommen die Olympiasieger bei den Paarläufern nicht aus der UdSSR, der GUS oder Russland.