11.02.2010
(Si) Simon Ammann zählt acht Jahre nach seinem Coup in Salt Lake City erneut zu den Olympia-Favoriten. Die Erinnerungen an den "Gold Rush" kommen immer wieder hoch, doch der 28-Jährige bleibt fokussiert.
Der Schweizer verfügt über Routine mit grossen Events. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, was wichtig ist: "Ich muss meine Hausaufgaben machen." Hausaufgaben bedeuten primär Knochenarbeit; konzentrierte Trainingssprünge zeigen, perfekte Bewegungsabläufe repetieren, verschiedene Anzüge testen, gezieltes Krafttraining absolvieren, Regeneration beachten. Ammann hat bis zum ersten Wettkampf von der Normalschanze am Samstagabend Schweizer Zeit viel zu tun. "Ich versuche nicht, etwas von Salt Lake City zu kopieren", betont er. Die Euphorie jener Tage bleibt zwar immer präsent, doch sie hilft ihm auf der neuen Schanze in Whistler wenig.
Bei seinen vierten Winterspielen hat der Ausnahmekönner die Vorteile in der Hand. Zusammen mit Gregor Schlierenzauer dominiert er diesen Winter den Weltcup. 5 Siege und 7 weitere Podestplätze in den 18 Weltcup-Springen lassen keine Zweifel über den Formstand zu. Der Druck der Favoritenrolle behagt dem Toggenburger, er startet aus der Pole-Position im doppelten Sinn -- als Weltcupleader und als jener Top-Athlet mit dem geringsten Druck. Schlierenzauer oder den Tournee-Siegern Andreas Kofler und Wolfgang Loitzl fehlt bislang der Olympia-Sieg. Thomas Morgenstern kämpft seit dem Auftauchen von Schlierenzauer vergeblich um den Nummer-1-Status im Team der Austria-Adler, und für Janne Ahonen (Fi) oder Adam Malysz (Pol) bietet sich im Nordic Park die letzte Chance, Verpasstes nachzuholen. Die verheissungsvolle Ausgangslage lässt keinen Raum für Tiefstapelei, Ammanns Zielsetzungen für die Olympischen Spiele sind klar: "Ein Medaille ist Pflicht."
"Wer in Willingen springt, wird nicht Olympiasieger", prognostizierte Ammann vor seiner Abreise nach Kanada. Er ging mit Blick auf den Gesamtweltcup keine Kompromisse ein, sass im Flieger, als seine Konkurrenten im Sauerland über den Bakken sprangen. "Ich will vollständig erholt sein, um die bestmögliche Tagesform aufzubauen", begründete Ammann seinen Verzicht. Nun lebt er in Whistler denselben Wochenrhythmus, den er auch in der Schweiz pflegt. Um sich optimal einzustimmen, verbrachte er die ersten Tage zusammen mit Disziplinenchef Gary Furrer im Chalet Bambi beim Schweizer Auswanderer Abraham Inniger. Beim Adelbodner hatte sich das helvetische Team vor Jahresfrist nach dem Weltcup-Wochenende einquartiert und einen rundum gelungenen Trainingsblock absolviert. Auf die Wettkämpfe hin erfolgte dann der Wechsel ins olympische Dorf. Der Austausch mit Sportlern anderer Disziplinen bedeutet Ammann viel.
Bald ein ganz Grosser?
Der 28-Jährige springt nun schon drei Jahre konstant auf Top-Niveau und bewies mehrfach, dass er dies auch im entscheidenden Moment schafft. Er wurde in Sapporo 2007 Weltmeister und gewann auf der Normalschanze Silber; 2009 an den WM-Titelkämpfen in Liberec flog er zu Bronze auf dem kleinen Bakken. Der Toggenburger ist kaltblütig, er packt zu, wenn sich ihm die Chance bietet. Ebnet ihm diese Eigenschaft den Weg, um einer der erfolgreichsten Skispringer an Olypmischen Spielen zu werden? Der exzentrische Finne Matti Nykänen, der Deutsche Jens Weissflog und der Norweger Birger Ruud zieren in der Statistik der Einzelmedaillen die Spitze. Nykänen mit dreimal Gold und einmal Silber (1984/1998), sowie Ruud (1932/1936/1984) und Weissflog (1984/1994) mit je zwei goldenen und einer silbernen Medaille sind vor dem Schweizer klassiert.
Am Wettkampftag will der Gold-Favorit all die Emotionen ausblenden, die Gedanken an den Sieg, die mit seiner Vergangenheit zwangsläufig auftauchen, im Griff halten. Wenn er oben auf dem Balken sitzt, zählt für ihn nur noch eines: "Voller Fokus auf die Technik. Das ist das Ein und Alles". Gelingt ihm dies, kann der Toggenburger bei seiner Rückkehr in die Schweiz wieder den Gang zum Banksafe in Unterwasser antreten. Dort lagern die Medaillen seiner zahlreichen Erfolge.