OLYMPIA: DIE SCHWEIZER ANTWORT AUF "TORINO!"

Olympia

26.01.2010 

(Si) IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch verletzte den Schweizer Sport tief im Inneren, als er 1999 bei der Vergabe der Winterspiele 2006 das berühmte "Torino!" verkündete und Sions Kandidatur eine Abfuhr erteilte.

Sieben Jahre später gaben die Schweizer Athletinnen und Athleten in Turin selbst die sportliche Antwort. Im Medaillenspiegel der Olympischen Spiele 2006 führten sie ihr Land auf den 8. Platz, just einen Rang vor Italien. Selbst wenn die Spiele in der Schweiz stattgefunden hätten, hätte man sich kaum eine bessere Bilanz als die der fünf goldenen, vier silbernen und fünf bronzenen Auszeichnungen wünschen dürfen.

Nur während der Goldenen Tage von Sapporo 1972 (4 Gold/3 Silber/3 Bronze) und in Calgary 1988 (5/5/5) hatte die Wintersportdelegation von Swiss Olympic vergleichbar gut abgeschnitten. Vergleiche unter den erfolgreichen Missionen hinken jedoch. In Turin gewannen die Schweizer alle fünf Goldmedaillen in den "neuen" Sportarten Snowboard (3), Skiakrobatik und Skeleton (je 1). In Calgary, geschweige denn in Sapporo standen diese Disziplinen noch längst nicht im olympischen Programm.

In Turin stellte die Schweiz erstmals in der Geschichte mehr Olympiasiegerinnen als Olympiasieger. Für das Ungleichgewicht sorgten Evelyne Leu, Daniela Meuli, Tanja Frieden und Maya Pedersen-Bieri, während Simon Schoch das Fähnlein der Männer aufrecht hielt.

Die Skiakrobation Evelyne Leu war in Salt Lake City 2002 als Goldfavoritin gestürzt, vier Jahre später wagte sie ihren ultraschwierigen Sprung "full-full-full" im zweiten Durchgang abermals -- und federte ihn perfekt ab; das Publikum war begeistert und die Juroren honorierten es. Die alpine Snowboarderin Daniela Meuli hatte in der ganzen Saison nach Belieben dominiert und hatte in Turin als Topfavoritin eigentlich nur zu verlieren. Aber sie meisterte die Nervenprobe(n) im Stil der grossen Championne -- gleich wie Maya Pedersen-Bieri im Skeleton-Run.

Tanja Frieden durfte sich kurz vor dem Ziel des Finallaufs im Boardercross schon über den Gewinn der Silbermedaille freuen, als sie plötzlich verblüfft realisierte, dass sie sogar den goldenen Jackpot knacken würde: Die Amerikanerin Lindsey Jacobellis lag souverän in Führung und wollte dem Publikum beim letzten Sprung noch ein Kunststücklein, den Griff ans Brett, vorführen. Sie kam aus dem Gleichgewicht und stürzte. Die verdutzte Frieden rauschte an ihr vorbei ins Ziel. Es war nicht nur aus Schweizer Sicht eine der spektakulärsten und denkwürdigsten Szenen der Spiele in Turin.

Etwas sehr Besonderes war auch der Snowboard-Parallelriesenslalom-Final der Männer. Philipp Schoch holte seine zweite Goldmedaille nach 2002 vor seinem Bruder Simon.

Die alpinen Skirennsportler wetzten auch ohne Olympiasieg ihre Scharte von 2002 aus, als nur eine Medaille (Bronze von Sonja Nef) herausgeschaut hatte. Mit Bronze in der Abfahrt machte Bruno Kernen den Anfang, Martina Schild (Silber in der Abfahrt) und Ambrosi Hoffmann (Bronze im Super-G) zogen nach.

Die Curlerinnen um Mirjam Ott durften nach einem tollen Turnier schon nach Gold greifen, als der schwedische Skip Anette Norberg mit dem schwierigen letzten Stein im Zusatz-End den Final doch noch für sich entschied. Die wohl wertvollste Silbermedaille errang Stéphane Lambiel. Seit 1948 (Hans Gerschwiler, ebenfalls Silber) hatte kein Schweizer Eiskunstläufer mehr auf dem Olympia-Siegerpodest gestanden.

Gregor Stähli holte wie bereits 2002 Bronze mit dem Skeleton. Geradezu auf den dritten Platz abonniert war der zuverlässige Bobpilot Martin Annen. In Salt Lake City gewann er Bronze im Zweierbob, im Turin glückte ihm dies in beiden Schlitten.

Etliche Schweizer Spitzenleistungen wurden nicht mit Edelmetall honoriert. Stellvertretend seien die Eishockeyaner erwähnt, die vor dem Out im Viertelfinal gegen Schweden zwei geschichtsträchtige Siege gegen die Bestbesetzungen von Topnationen errungen hatten: 2:0 gegen Kanada, 3:2 gegen Tschechien.